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SK Stiftung Kultur zeigt die wundersame Welt des niederländischen Fotografen Hans Eijkelboom

3300 Mal die Frage nach Klischee und Identität

4. November 2016 | 09:00 | ehu
Hans Eijkelboom vor der Fotoreihe, bei der er anderen Menschen seinen Overall auslieh. Foto: ehu

Hans Eijkelboom vor der Fotoreihe, bei der er anderen Menschen seinen Overall auslieh. Foto: ehu

Wie wirke ich, wenn ich die ausrangierten Klamotten anderer Menschen anziehe? Und wie wirken andere, wenn sie – zum Beispiel – meinen Overall anziehen? Hans Eijkelboom liebt solche (Selbst-)Versuche. Die ebenso witzigen wie hintergründigen fotografischen Resultate zeigt jetzt die SK-Stiftung Kultur.

Eine Ausstellung, die zunächst durch ihre Fülle fesselt: Fast 3300 Fotos hängen dicht an dicht an den Wänden. Zu Gruppen zusammengefasst, repräsentieren sie 30 ausgesuchte Projekte von weit über 100, die der niederländische Fotograf seit 1970 mit strenger Konsequenz entwickelt hat. Verbindendes Thema dieser Konzeptfotografie ist die Identität eines Menschen, sind Selbst- und Fremdwahrnehmung, sind Klischees, die sich am Äußeren festmachen.

Wo etwa ist die Individualität der dutzend Männer mit kariertem Hemd, die er innerhalb von 15 Minuten auf einer belebten Straße fotografiert hat. Worin unterschieden sich die Frauen, die die mehr oder weniger gleiche Plüschjacke oder einen Pelz um den Hals haben? Die Strickmützenträger oder die Radfahrer mit Regencapes?

Eijkelboom fotografiert nicht offen, sondern quasi aus der Hüfte heraus (da dies unter dem Kunstvorbehalt geschieht, muss er die so Porträtierten auch nicht vor einer Veröffentlichung um Erlaubnis fragen). Er fragt die Betroffenen auch nicht, und schon gar nicht, ob sie stinkreich, fröhlich, Beamte, resolut oder Spießbürger sind – nach diesen Kriterien hat er sie fotografiert, ausgesucht nach Angaben anderer Passanten. Nun stehen wir vor den Fotos und fragen, welche Details – Bekleidung? Gesichtsausdruck? Auftreten? – zu dieser „Charakterisierung“ geführt haben?

Schön oder hässlich? Die Antworten fallen recht unterschiedlich aus – oder nicht?

In Warschau ließ Eijkelboom 1978 Kunststudenten mit seinem Porträt „demonstrieren“. Foto: Eijkelboom

In Warschau ließ Eijkelboom 1978 Kunststudenten mit seinem Porträt „demonstrieren“. Foto: Eijkelboom

Nach den „Anweisungen“ von Passanten hat er auch „schöne“ und „häßliche“ Menschen – wieder ohne deren Wissen – fotografiert. Das Porträt des „Auftraggebers“ platziert er dann bei der Präsentation zwischen den Porträts der beiden Opfer – was sagt der Betrachter zu der Klassifizierung. Er fotografierte Eltern und deren Kinder, in den Kleidern, die sie selber gerne tragen und in denen, die die jeweils anderen Familienmitglieder gerne an ihnen sähen. Mal genau hinsehen, ob jeder glücklich dreinschaut!

Eijkelboom (geboren 1949) in spart sich als Versuchsobjekt nicht aus. So verwandelt er sich in den „idealen Mann“, wie ihn sich zehn Frauen vorstellen – über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. 1976 fragte er Bekannte, die ihn vor zehn Jahren zum letzten Mal gesehen hatten, was wohl aus ihm geworden sei. Förster, Anarchist, Banker oder Sozialarbeiter waren die Vermutungen. Eijkelboom inszenierte sich in den Berufen – und macht nicht nur als Fotograf (da hatte einer das richtige Näschen) eine gute Figur.

Kleider machen Leute – auch wenn sie zusammen nur zehn Euro kosten

Binnen 15 Minuten sammelte Eijkelboom in Amsterdam diese zwölf gestreiften Männer. Foto: Eijkelboom

Binnen 15 Minuten sammelte Eijkelboom in Amsterdam diese zwölf gestreiften Männer. Foto: Eijkelboom

Kleider machen bekanntlich Leute, sogar ganz unterschiedlich. Selbst dann, wenn sie – weltweit gekauft – zusammen nicht mehr als 10 Euro kosten. Auch hier breitet der Fotograf in eigener Person ein breites Spektrum aus. Das reicht vom Prolo über den Beduinen in Djelaba und den leicht lächerlichen Strand-Gigolo bis zum Mann, dem der Anzug deutlich zu groß ist – ein Sonderangebot aus Shanghai, vom ursprünglichen Auftraggeber nicht abgeholt.

Eijkelboom ist ein ganz spezieller Jünger des ernsten „Typenjägers“ August Sander: selbstironisch, witzig, tiefgründig und verspielt – selbst das Gesellschaftsspiel „Wortkette“ setzt er mit Menschenfotos um. Seine Kunst ist ein Rundum-Vergnügen mit ernstem Hintergrund. In einer Nebenausstellung gewährt Kulturstiftung wieder einen Blick in die Bestände: Diesmal mit Fotos von Häusern aus dem Siegerland.

Hans Eijkelboom – Photographische Konzepte, 1970 bis heute“ – bis 19. März 2017, Photographische Sammlung der SK-Stiftung Kultur, Komed-Haus, Im Mediapark 7, Tel. 0221 / 888 95-311, täglich außer Mittwoch 14-19 Uhr, Eintritt 4,50/2 Euro, montags frei, Katalog: 39,80 Euro.

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