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Museum für Ostasiatische Kunst zeigt die Magie der chinesischen Schrift

Ästhetik auch für Analphabeten

24. April 2016 | 10:00 | red
Zhu Yunming zierte um das Jahr 1500 einen Fächeraus goldgesprenkeltem Papier mit einem Gedicht. Bild: © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst

Zhu Yunming zierte um das Jahr 1500 einen Fächeraus goldgesprenkeltem Papier mit einem Gedicht. Bild: © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst

Am Anfang – so die Sage – standen Vogelspuren im Sand. Daraus entstand die chinesische Schrift, die bis heute – wenn auch immer wieder verändert – bis heute im Gebrauch ist. Dass ihre Ästhetik auch auf Menschen wirkt, die sie nicht lesen können, zeigt die Ausstellung „Magie der Zeichen“ im Museum für Ostasiatische Kunst (MOK).

Seit über 3000 Jahren lässt sich diese Schrift nachweisen. Eine komplizierte Art der schriftlichen Kommunikation mit mehr als 54.000 Zeichen, die sich aus 214 Einzelelementen zusammensetzen. So taucht in jedem Zeichen, das für ein Gefühl steht, das Symbol für Herz auf. Dass auch nicht jeder Chinese alle Zeichen aktiv oder passiv beherrscht, wundert nicht. Das mag einen des Chinesischen nicht mächtigen Besucher dieser Ausstellung trösten, der sich dann ganz auf die faszinierende Schönheit der Exponate konzentrieren kann.

Besucher der Ausstellung können sich in der Kunst des Schreibens üben

1996 malte Xue Song sein "Shape (Red Mao)".  Bild: © M+ Sigg Collection, Hong Kong

1996 malte Xue Song sein „Shape (Red Mao)“. Bild: © M+ Sigg Collection, Hong Kong

Manchmal streng, manchmal auch schwungvoll und graziös schwebend wirken die Schriftzeichen, wenn sie mit der Hand und Pinsel und Tusche geschrieben wird (dem Handwerkszeug des Kalligrafen ist eine eigene Vitrine gewidmet): locker aus der Schulter heraus, die Hand wird nicht abgeschützt. Durch Druck auf den senkrecht gehaltenen Pinsel wird die Dicke der Linie bestimmt. In einer „Schreibwerkstatt“ können sich die Besucher selber in dieser Kunst des Schreibens üben.

Ganz anders die Schrift, wenn sie in Stein gehauen wird. Dann erscheinen die Zeichen eher wie strenge geometrische Muster. Abreibungen von solchen Schriften dienten als Muster wie für Schreiber. Wobei sich die Zeichen veränderten. Wer dies anordnete, demonstrierte damit seine Macht. Wie Kaiserin Wu Zhao im Jahr 702; nach ihrem Tod wurden ihre Änderungen allerdings verboten. Mao Tse Tung vereinfachte die Schrift – und entwarf gleichzeitig den bis heute gebrauchten Titel für die Parteizeitung Renmin Ribao.

Künstler kopiert eine alte Schrift gleich tausend Mal – auf einem Blatt

Auch wenn man es nicht lesen kann: Li Jins buntes Kochbuch (entstanden 2008) macht wohl jedem Betrachter Appetit. Bild: © Li Jin, Collection Gérard et Dora Cognié, Genf, courtesy of the artists

Auch wenn man es nicht lesen kann: Li Jins buntes Kochbuch (entstanden 2008) macht wohl jedem Betrachter Appetit. Bild: © Li Jin, Collection Gérard et Dora Cognié, Genf, courtesy of the artists

Zur Übung, aber auch aus Verehrung für Buddha war es üblich, religiöse Schriften aufs Genaueste zu kopieren – wozu auch die unterschiedlichen Linienstärken gehörte. Es war zugleich eine meditative Übung. Der Künstler Qui Zhijie (geboren 1969) griff dies auf und kopierte über fünf Jahre hinweg auf einem Blatt das Werk eines Ahnherrn der Kalligrafie. Insgesamt tausendmal überschrieb er den Text, nach dem 50. Mal – das Blatt war schon fast nur schwarz – arbeitete er mit trockenem Pinsel weiter.

In Stationen wie „Macht und Magie“, „Ideologie und Inividualität“, „Kunst und Mythos“, „Gelehrte und Genies“ „Spiritualität und Seelenheil“ stellt die Ausstellung alte Texte und die Arbeiten zeitgenössischer Künstler gegenüber. Aus der Gegenüberstellung traditioneller und zeitgenössischer Kalligrafie bezieht diese Ausstellung ihren besonderen Reiz. Die aktuellen Arbeiten sind für MOK-Direktorin Adele Schlombs auch ein Zeichen dafür, dass sich die Künstler auf die eigene Tradition bemühen und nicht mehr jedem westlichen Kunsttrend hinterherlaufen.

Fast fünf Meter lang ist das Kochbuch mit Bildern und Schrift

Da gibt es etwa das prachtvolle Kochbuch von Li Jin: Auf einem fast fünf Meter langen Papierband kombiniert er Schrift mit den Bildern von gebratenen Enten, Meeresfrüchten und Gemüse. Cui Fei erfindet aus dünnen vertrockneten Weinreben ihre eigenen Schriftzeichen, die – an die Wand geheftet – eine fragile Dreidimensionalität zeigen. Das Künstler-Trio „Yangjiang Group“ greift das traditionelle Motiv des Wasserfalls auf Und übergießt einen Kubus aus zusammengeknüllten Schriftstücken mit Wachs, das wie ein Wasserfall die Seiten hinunter tropft.

Erdacht hat die Ausstellung MOK-Vizedirektorin Petra Rösch, zusammengestellt wurde sie vom Museum Rietberg Zürich. Von den run 100 Exponaten kommen die meisten aus Köln, die anderen von international renommierten Leihgebern. In Zürich waren auch noch Objekte aus dem New Yorker Metropolitan Museum zu sehen, Köln hatte kein Geld für die Ausleihe. „Ich bin nicht traurig, es ist alles Wichtige dabei“, sagt Schlombs selbstbewusst. Traurig ist die unbefriedigende finanzielle Ausstattung der Kölner Museen dennoch.

Magie der Zeichen. 3000 Jahre chinesische Schriftkunst“ – bis 17. Juli 2016, Museum für Ostasiatische Kunst, Universitätsstr. 100, Di-So 11-17 Uhr, jeden ersten Donnerstag im Monat 11-12 Uhr, Eintritt: 9,50/5,50 Euro, Katalog 42 Euro.

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