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Rautenstrauch-Joest-Museum zeigt „Pilgern – Sehnsucht nach dem Glück

Ausstellung wird Etappenziel der Jakobspilger

21. Oktober 2016 | 09:00 | red
Blick in die Ausstellung: Vor über 400 Jahren soll es in Guadalupe (Mexiko) eine Marienerscheinung gegeben haben. So wurde die Stadt zum katholischen Pilgerort – wobei auch Traditionen der Urbevölkerung eingebunden werden. Foto: ehu

Blick in die Ausstellung: Vor über 400 Jahren soll es in Guadalupe (Mexiko) eine Marienerscheinung gegeben haben. So wurde die Stadt zum katholischen Pilgerort – wobei auch Traditionen der Urbevölkerung eingebunden werden. Foto: ehu

Sie erhoffen sich Vergebung ihrer Sünden, Erfüllung ihrer Wünsche, Selbsterkenntnis oder ein besseres leben nach dem Tod: Seit Jahrtausenden nehmen Menschen die Strapazen einer Pilgerfahrt auf sich. Eine Ausstellung im Rautenstrauch-Joest-Museum beleuchtet jetzt diese „Sehnsucht nach dem Glück“.

Pilgern – das ist Bestandteil wohl aller Religion, ob in Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus oder den „Naturreligionen“ (so nannte man dies früher) indigener Völker. 14 der weltweiten Pilgerziele – lediglich in Australien wurden die acht Kuratoren nicht fündig – werden ausführlich vorgestellt. An insgesamt 39 werden einzelne Aspekte wie Tourismus, Rituale, Logistik, Wirtschaft, Politik oder Ökologie genauer beleuchtet.

Ausgangspunkt“ der überaus detailreichen, fundierten und nie langweiligen Ausstellung ist Köln. Die Stadt, die durch die Gebeine der Heiligen Drei Könige im Mittelalter zu einem der wichtigsten Pilgerziele (und einer reichen Stadt) der katholischen Welt wurde und bis heute von Tausenden Pilgern besucht wird. Kölner und Kölnerinnen unterschiedlichen Glaubens erzählen, was sie bei ihren Pilgerfahrten erlebt haben.

Kultgegenstände wie Altäre und Gebetsfahnen, dazu bunte Devotionalien und Souvenirs – viele Objekte wurden zusammengetragen. Darunter auch wertvolle Leihgaben wie ein seidener Gebetsteppich aus dem Iran oder eine Bronzestatue des Gottes Shiva. Zu den renommierten Leihgebern zählen das Wereldmuseum in Rotterdam und das British Museum in London.

Heilige Orte – gemeinsam verehrt oder zwischen Religionen umstritten

Auch in Sinakara (Peru) vermischen sich Traditionen der Quechua-Indianer mit dem Christentum. In Steinhaufen werden Miniaturobjekte gesteckt, die die Wünsche der Gläubigen symbolisieren. Foto: ehu

Auch in Sinakara (Peru) vermischen sich Traditionen der Quechua-Indianer mit dem Christentum. In Steinhaufen werden Miniaturobjekte gesteckt, die die Wünsche der Gläubigen symbolisieren. Foto: ehu

Bekannte Pilgerziele werden vorgestellt. Natürlich der Tempelberg in Jerusalem, den alle drei abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – für sich beanspruchen, was aktuell immer wieder zu politischen Auseinandersetzungen führt. Das Gegenbeispiel für ein friedliches Miteinanders ist der Berg Kailash in Tibet, der gleich vier Religionen heilig ist. Ein ketzerischer Gedanke: Vielleicht machen die dünne Luft in 5000 Metern Höhe und der 53 Kilometer lange Rundweg, bei dem alles Gepäck mitgeschleppt werden muss, um den Gipfel müde und lassen keine Kraft mehr für Auseinandersetzungen, welche Religion die „einzig richtige“ ist.

Mekka darf bei den vorgestellten Pilgerzielen nicht fehlen, dessen Besuch zu den fünf Pflichten eines Moslems gehört. Ebenso ist das spanische Santiago des Compostela bei diesem Thema ein „Muss“. Weniger bekannt dürften hierzulande die Felsenkirchen von Lalibela in Äthiopien sein, das mexikanische Guadalupe, wo die (katholische) Muttergottes verehrt wird, die goldene Shwedagon-Pagode in Myanmar oder Ra’iatea in Französisch Polynesien: ein alter Zeremonienplatz, der erst in jüngster Zeit von den Bewohnern der Südsee in der Rückbesinnung auf alte Traditionen „wiederentdeckt“ wurde.

Millionen Pilger – betreut von Profis und von Ehrenamtlichen

Zu entdecken sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Wie werden die Pilger verpflegt? Im indischen Ajmer werden für die eine Million Pilger in zwei Riesenkesseln sieben Tonnen süßer Safranreis gekocht. In Äthiopien dagegen ist Fasten zentraler Bestandteil der Wallfahrt. Wie werden die Menschenmassen betreut? In Mekka ist alles genauestens und professionell organisiert, hierher kommen in kurzer Zeit drei Millionen Gläubige. Nach mehreren tödlichen Katastrophen entwickelte ein Aachener Ingenieursteam ein neues Verkehrskonzept. In Touba/Senegal kümmern sich vor allem  Ehrenamtliche um das Wohl der Pilger, die das Mausoleum des Sheikh Amadou Bamba besuchen, die größte Moschee südlich der Sahara.

Wie beim Jakobsweg beweisen auch auf der südjapanischen Insel Shikoku, dass der Pilger alle 88 Tempel besucht hat. Der Rundweg ist 1.300 Kilometer lang – Unterbrechungen sind erlaubt. Ein Tipp für Jakobspilger: Auch diese Ausstellung gilt als offizieller Zwischenstopp – ein Stempel liegt bereit.

Weltweit erlebt das Pilgern einen Boom – nicht nur in der „klassischen“ Religion

Die alte Tradition der religiösen Pilgerfahrt hat in den letzten Jahrzehnten einen neuen Boom erfahren. In Deutschland mag Hape Kerkeling mit seinem biografischen Bericht „Ich bin dann mal weg“ über seine Wanderung nach Santiago de Compostela beigetragen haben. Grund dafür sind aber auch die Verbesserung der Verkehrsverbindungen und steigender Wohlstand.

Und zum Schluss schlagen die Ausstellungsamacher noch eine kleine Volte ins säkulare Leben: Als Pilgerziele stellen sie die US-Stadt Memphis für die Fans von Elvis Presley vor, den Pariser Louvre für Kunstfans und – hier schließt sich der Kreis – Köln mit seiner Gamescom als „Mekka“ für alle Computerspiel-Freaks.

Pilgern – Sehnsucht nach Glück?“ – bis 9. April 2017, Rautenstrauch-Joest-Museum, Cäcilienstr. 29-33 (Am Neumarkt), Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Eintritt zur Sonderausstellung inklusive Audioguide 10/8 Euro, mit Dauerausstellung 12/9 Euro, Begleitbroschüre 7,90 Euro. Umfangreiches Begleitprogramm, Infos.

Weitrere Informationen rund um die Ausstellung finden sie auch im Internet unter: www.pilgern.koeln.

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