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Ausstellung im Stadtmuseum gräbt Geschichte und Geschichten aus

„Drunter und drüber“ rund um den Heumarkt

13. Dezember 2016 | 18:00 | ehu
Originelle Präsentation eines historischen Fotos, das den Blick auf die Deutzer Brücke als Tragseil-Brücke zeigt. Foto: ehu

Originelle Präsentation eines historischen Fotos, das den Blick auf die Deutzer Brücke als Tragseil-Brücke zeigt. Foto: ehu

Ein englischer Tourist verglich im 17. Jahrhundert den Kölner Heumarkt mit dem Markusplatz in Venedig: Prachtbauten ringsum, das wirtschaftliche Zentrum der Stadt. Davon ist nichts geblieben, der Platz ist zur „event-location“ herabgesunken. Eine Ausstellung im Stadtmuseum erinnert jetzt an die wechselvolle Geschichte dieses immer noch zentralen Platzes.

Der Heumarkt. Schauplatz Kölner Geschichte“ ist die dritte Ausstellung in der Reihe „Drunter und Drüber“, eine Zusammenarbeit des Stadtmuseums mit dem Römisch-Germanischen Museum. Letzteres ist für die Bodendenkmalpflege zuständig – und bekanntlich steckt Kölns Geschichte ja größtenteils in der Erde.

Folgerichtig beginnt die Ausstellung denn auch im Erdgeschoss mit den Ausgrabungen aus dem Jahren 1996 bis 1998. Archäologen im Vorfeld der Bauarbeiten für die heutige Tiefgarage erforschten rund 6.000 des insgesamt 20.000 Quadratmeter großen Platzes. Wie zu erwarten stießen sie dabei auch auf die römische Zeit – vor 2000 Jahren lag das, was später der Heumarkt wurde, noch auf einer Insel vor der römischen Stadt. Der Rheinarm dazwischen wurde später zugeschüttet und bildete den Grund für den Platz.

Warum ein Schuster Dutzende Ledersohlen wegschmiss, weiß man heute nicht mehr. Immerhin: Durch den feuchten Untergrund wurden sie gut erhalten. Auch was mit der Frauenleiche passierte, die am Heumarkt gefunden wurde, bleibt wohl ungeklärt. Nur so viel ist sicher: Die junge Frau erlitt in der Merowinger-Zeit (5. bis 7. Jahrhundert) einen gewaltsamen Tod, ein großes Loch im Schädel zeugt davon. Belegt ist, dass im Mittelalter auf dem Platz gut besuchte Hinrichtungen stattfanden.

Sparsame Kölner machten aus Nero den Kaiser Domitian

Bierbänke laden zum Platznehmen ein mit Blick auf das von Bomben zerstörte Brauhaus “Malzmühle”. Foto: ehu

Bierbänke laden zum Platznehmen ein mit Blick auf das von Bomben zerstörte Brauhaus “Malzmühle”. Foto: ehu

Verwirrend die Irrungen eines römischen Kopfes durch die Hände von Archäologen und Historikern. 1901 gefunden, landete er zunächst auf einer Abraumhalde, wurde 1911 wieder entdeckt und als Porträt von Agrippa identifiziert. 1990 erkannte man in ihm Claudius, den Enkel des Kaisers Augustus. Heute gilt er als Teil einer Statue des Kaisers Domitian (81-96 n. Chr.). Und noch besser: Man ist überzeugt, dass es ursprünglich ein Porträt Neros war, der kurzerhand umgearbeitet wurde. Kölner waren sparsam.

Geschichte setzt sich eben aus vielen Geschichten zusammen, die hier von rund 200 Objekten erzählt werden: historische Fotos, Filme und Schriftdokumente (etwa die letzte Ausgabe von Marx’ „Rheinischer Zeitung“, die am Heumarkt ihre Redaktion hatte), Gemälde, Grabungsfunde, Skulpturen, Bierbänke und Modelle. Das alles originell und liebevoll präsentiert. Lecker parat jemaat, wie der Kölner sagen würde.

Zu den Geschichten gehört etwa, dass der Heumarkt und sein Umfeld als Treffpunkt für Homosexuelle. Wohl schon im Mittelalter. Eine Chronik aus dem Jahr 1484 berichtet von einer „schweren unaussprechlichen Sünde“, wer darin verwickelt war, ließ sich nicht klären. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Klüngel, weil zu viel Promis darin verwickelt waren?

Die Wiederbelebung des Platzes als „Viktualienmarkt“ scheiterte jämmerlich

Goldschmiede, Münzpräger, Glasbläser, Holzschnitzer und andere Handwerker hatten hier ihre Werkstätten, wie zahlreiche Funde belegen. Gaffeln, der Zusammenschluss einflussreicher Händler, hatten hier ihren Sitz. Und auf dem Platz wurde fleißig Handel getrieben. Jedes Ware hatte ihren festen Platz, im Süden wurde heu angeboten, das dem Platz seinen Namen gab. Ein Versuch, den Platz als Viktualienmarkt wiederzubeleben, scheiterte vor einigen Jahren dank bürokratischer Vorschriften jämmerlich.

Heute finden hier nur noch Karnevalsveranstaltungen statt, CSD, der Weihnachtsmarkt. Rechte und linke Organisation schätzen ihn als Ort für ihre Kundgebungen. An alte Zeiten erinnert noch das Denkmal Reiterdenkmals für Friedrich Wilhelm III1855 erstmals angedacht, wurde es erst 1878 enthüllt. Symbol für das gespaltene Verhältnis der Kölner zu Preußen, dem das Rheinland im Wiener Kongress 1815 zugeteilt wurde.

Ungerm Stätz“ des Reiterdenkmals trafen sich einst Verliebte und Ortsfremde

Ganz schön voll war es auf dem Heumarkt, als dort noch ein “richtiger” Markt war. Heute lädt er noch nicht einmal zum Flanieren ein. Foto: ehu

Ganz schön voll war es auf dem Heumarkt, als dort noch ein “richtiger” Markt war. Heute lädt er noch nicht einmal zum Flanieren ein. Foto: ehu

Die Preußen errichteten 1842 mitten auf dem Heumarkt eine von zwei Hauptwachen (die zweite steht heute noch neben dem Zeughaus). 1877 wurde sie schon wieder abgerissen. Es muss lustig zugegangen sein: In der Latrine fanden sich jede Menge Getränkeflaschen und Tonpfeifen. Das Reiterdenkmal stand früher in der Mitte des Platzes. Früher trafen sich „unter dem Schwanz“ des Pferdes Verliebte und Ortsfremde. Heute steht es eher am Rand, vom Südteil abgetrennt durch Straße und KVB-Linie. Eine Verkehrsführung, die auf die Planungen der NS-Zeit für eine monumental-repräsentative West-Ost-Achse nach Deutz zurückzuführen ist.

Während der Besucher über die glatten Bodenbeläge schreitet, die unterschiedliche Pflasterungen nachbilden, sucht er nach einem „Kapitel“ über die aktuellen Probleme der Stadt mit den Pflastersteinen. Eine Geschichte über Klüngel, Betrug und Firmenpleiten. Aber eine vergebliche Suche, diese Geschichte fehlt. Schade.

Drunter und Drüber: Der Heumarkt. Schauplatz Kölner Geschichte 3“ – bis 1. Mai 2017, Kölnisches Stadtmuseum, Zeughausstr. 1-3, 50667 Köln, Di 10-20 Uhr, Mi-So 10-17 Uhr, am ersten Donnerstag eines Monats 10-22 Uhr, Eintritt 7,50/5 Euro. Begleitbuch: 16,95 Euro.

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