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Sterben in Kroatien: Premiere im Theater der Keller

Düstere Szenen aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg

14. November 2016 | 08:00 | ehu
„Sterben in Kroatien“ mit Katharina Waldau, Tuong Phuong, Anne Simmering (v.l.). Foto: Tilman Reich

„Sterben in Kroatien“ mit Katharina Waldau, Tuong Phuong, Anne Simmering (v.l.). Foto: Tilman Reich

Über Nacht wurden Nachbarn zu Todfeinden. Religion und ethnische Zugehörigkeit bestimmten über Leben und Tod. Der Zerfall Jugoslawiens führte zu Bürgerkrieg und Kriegsverbrechen von nicht mehr möglich gehaltenem Ausmaß. Das „Theater TKO“ erinnert mit „Sterben in Kroatien“ an dieses dunkle Kapitel jüngster europäischer Geschichte der 1990er Jahre.

Es ist eine düstere und beklemmende Inszenierung nach Erzählungen von Slavenka Drakulic, die Nada Kokotovic im Theater der Keller auf die Bühne bringt. Sie setzt dabei auf Anne Simmering, Katharina Waldau und Nedjo Osman (selber Jugoslawien-Emigrant und Mitglied des ehemaligen „Pralipe“-Roma-Theaters in Mülheim). Mit eindringlicher Zurückhaltung lassen sie eine Stunde lang Einzelschicksale lebendig werden.

Da ist die Überraschung, dass plötzlich in der Nachbarschaft Schüsse fallen. Die Emigrantin, die in Berlin am Telefon mitbekommt, wie ihre Familie bombardiert wird. Die komplizierten Familienverhältnisse, bei der unterschiedliche Nationalitäten untereinander heirateten – im Jugoslawien vor dem Bürgerkrieg kein Problem, dann aber Anlass für tödlichen Familienzwist. Der Vater, der in der Vergangenheit die Ursachen für den Bürgerkrieg sucht und ihn nicht der Jugend anlasten will. Schließlich die kroatische Schauspielerin, die auf die völkerverbindende und friedensstiftende Kraft der Kultur setzt, im serbischen Belgrad bei einem Theaterfestival auftritt, danach in ihrer Heimat von allen geschnitten wird und in die USA auswandert. Wie auch die anderen eine Episode mit realem Hintergrund.

Der Krieg kennt kein Erbarmen, er überwältigt alle

Simmering, Waldau und Osman fangen das Publikum unentrinnbar ein. Beherrscht aber wird die Inszenierung von Tuong Phuong. Der geschmeidige Kölner Tänzer bewegt sich mit ausdrucksstarken Bewegungen – exzentrisch, zuckend, hektisch – über die kahle Bühne. Er kriecht über den Boden, um plötzlich zu erstarren. Eine einsame Deckenleuchte weckt auf seinem hageren, nackten Oberkörper und in seinem Gesicht gespenstische Schattenspiele. Starr ist sein Blick, keine Miene verzieht er. Er ist der Krieg, der kein Erbarmen kennt, der alle ergreift – Widerstand zwecklos. Selbst den bulligen Nedjo Osman ringt er zu Boden. Nur die Schauspielerin A. schafft er nicht.

Die steht am Ende allein auf der Bühne. „Ich will nie wieder Krieg!“, schreit sie verzweifelt. Licht aus, nach einer Schreckstarre beim Publikum starker Premierenbeifall für die Gastproduktion. Und sicher auch Erleichterung in Frieden leben zu können. Denn Frieden, das ist Krieg anderswo.

Sterben in Kroatien“ – weitere Aufführungen: 14. und 15. November, 4. und 6. Dezember, jeweils 10 Uhr. Theater der Keller, Kleingedankstr. 6, 50677 Köln, Karten: Tel. 02 21 / 31 80 59 (Mo-Fr 10-17 Uhr), tickets@theater-der-keller.de und an allen Vorverkaufsstellen.

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