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Schauspiel bringt den Film „Adams Äpfel“ auf die Bühne

Ein Apfel macht den guten Menschen aus

23. November 2016 | 08:00 | ehu
Neonazi Adam (Robert Dölle, r.) und Pfarrer Ivan (Jörg Ratjen) kämpfen in „Adams Äpfel“ um die wahre Sicht auf das Leben. Foto: Tommy Hetzel / Schauspiel Köln

Neonazi Adam (Robert Dölle, r.) und Pfarrer Ivan (Jörg Ratjen) kämpfen in „Adams Äpfel“ um die wahre Sicht auf das Leben. Foto: Tommy Hetzel / Schauspiel Köln

Der Baum hängt voller Äpfel – genug für einen großen Apfelkuchen. Am Ende bleibt nur ein Apfel übrig und das Küchlein wird entsprechend klein. Dafür wurde aus einem „schlechten“ Menschen ein guter, jede Menge Lebenslügen blieben auf der Strecke, und im Schauspiel gab’s starken Premierenbeifall für das moderne Erweckungsmärchen „Adams Äpfel“.

Die Moral von der Geschicht’: Schlechte Menschen gibt es nicht. Das hatte Pfarrer Ivan schon gleich zu Beginn verkündet. Das ist seine gute Botschaft, und die ist das Fundament für seine Resozialisierungsarbeit. Drei ehemalige Kriminelle betreut er: Den ehemaligen KZ-Kapo Poul (Horst Sommerfeld), im Alter zum reuigen Sünder gewandelt, den Bankräuber Khalid sowie den Vergewaltiger, Alkoholiker und Dieb Gunnar.

Als Vierter stößt der Neonazi Adam dazu. Warum er ein Neonazi ist, wird nicht klar: Zwar hat er ein Hitler-Tattoo auf dem Bauch, aber von Rassismus – nur als Beispiel – keine Spur. Aber düster ist er, gewalttätig, will sich nicht auf das heile Familiengetue einlassen, mit dem der Pfarrer seine Gruppe zusammenhält. Immerhin: Als Resozialisierungsziel will er einen Apfelkuchen backen.

Vögel plündern den Apfelbaum, durch die Kirche zieht’s, und die Orgel klemmt

Wenn da nicht die Vögel wären, die den Apfelbaum plündern. Überhaupt: Mit der Idylle ist es nicht weit her. Verdammt löchrig ist sie – wie die Kirche, die die Bühne füllt und in der sich alles abspielt. Sie besteht nur aus schwarzen Balken, dazwischen zieht es gewaltig. Aber die Atmosphäre bleibt muffig. Die Orgel klemmt und der gekreuzigte Christus hat nur noch seinen rechten Arm, der linke baumelt daneben.

Mehr Schein als Sein ist auch des Pfarrers Leben, der immer den richtigen Bibelspruch parat hat. Er hat einen Gehirntumor, sein Vater hat ihn missbraucht, sein Sohn ist behindert, und seine Frau hat sich aus Kummer darüber umgebracht. Doch darüber redet er nicht, seinen Sohn versteckt er. Die junge Sarah (Annika Schilling) – schwanger, alkoholsüchtig und voller Angst, ein behindertes Kind zur Welt zu bringen – beruhigt er: Die Wahrscheinlichkeit für ein behindertes Kind sei äußerst gering.

Ein Arzt mag kein Sozialarbeiter-Gesabbel und stachelt Adam auf

Adam reißt ihn gewaltsam aus dieser Realitätsverleugnung. Angestachelt hat ihn der vernunftbesessene, zynische Arzt (Martin Reinke in Höchstform), der das Sozialarbeiter-Gesabbel nicht ausstehen kann und Adam Ivans Geheimnisse verrät. Der konfrontiert ihn mit der Bibel, die er inzwischen ebenso zitieren kann wie der Pfarrer, vergleicht ihn mit Hiob und schlägt ihn mit einem Schraubenschlüssel blutig.

Nun taucht Adams Kumpel Esben auf, ein eleganter Nadelstreifen-Neonazi. Er liefert sich mit Khalid ein Pistolenduell, trifft dabei den Pfarrer – und schießt ihm den Tumor aus dem Kopf. Ivan kann also weiterleben. Und Adam teilt mit ihm das kleine Apfelküchlein, das er doch noch gebacken hat.

Eine düstere Studie über Lebenslügen und Hoffnungen

Therese Willstedt hat das Stück nach dem gleichnamigen Film des Dänen Anders Thomas Jensen als düstere Studie über Lebenslügen und verzweifelte Hoffnungen inszeniert. Aufgelockert wird sie durch Nikolaus Benda (Gunnar) und Mohamed Achour (Khalid): Schlitzohrig und meist liebenswürdig gehen sie ihren kriminellen Lastern nach. Achour liefert dazu noch einen grotesk-witzigen Dialog mit Esben um die deutsche Grammatik.

Im Mittelpunkt aber steht die Auseinandersetzung zwischen Adam (Robert Dölle) und Ivan (Jörg Ratjen). Hier der bullige Dölle, bereit zur Gewalt, mit einem Hang zur Arroganz, im Grunde aber wohl doch ein sanfter Kern unter harter Schale. Dort Ratjen: von besserwisserischem, missionarischem Eifer, die Realität verleugnend und verdrängend, ein bemitleidenswertes, blutendes Häufchen Elend, als die Scheinwelt zusammenbricht. Ganz klar: Die beiden erhielten den stärksten Beifall.

Adams Äpfel“ – weitere Vorstellungen: 23. und 30. November, 3., 20., 25. und 30. Dezember, jeweils 19.30 Uhr, Schauspiel Köln, Depot 1 im Carlswerk, Schanzenstr. 6-20, 51063 Köln-Mülheim, Karten: Tel. 0221 / 22 12 84 00, Fax 0221 / 22 12 82 49, E-Mail: tickets@buehnenkoeln.de, dazu alle Vorverkaufsstellen von KölnTicket. Kartenservice mit Vorverkauf und Abo-Büro in der Opernpassage zwischen Glockengasse und Breite Straße.

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