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Theater der Keller zeigt den aktuellen Bühnenrenner „Terror“

Kölner zeigen keine Gnade für Todespiloten

8. November 2016 | 09:00 | red
Schuldig oder unschuldig? "Terror" mit Holger Stolz, Natthias Brüggenolte, Hendrik Vogt, Josef Tratnik, Susanne Seuffert und Tatjana Polozcek (v.l.). Foto: Meyer Originals / TdK

Schuldig oder unschuldig? „Terror“ mit Holger Stolz, Natthias Brüggenolte, Hendrik Vogt, Josef Tratnik, Susanne Seuffert und Tatjana Polozcek (v.l.). Foto: Meyer Originals / TdK

Was wiegt schwerer: 164 oder 70.000 Menschenleben? Rechtsprinzipien oder Gewissen und Moral? Eine fundamentale Frage, die das Theaterstück „Terror“ stellt. Der Bühnenrenner – vor kurzem auch im ARD-Fernsehen ein Quotenhit – hatte jetzt im Theater der Keller Premiere.

Jurist und Schriftsteller Ferdinand von Schirach lässt in „Terror“ das Publikum über einen fiktiven, aber nicht unrealistischen Fall urteilen: Ein islamistischer Terrorist hat ein Passagierflugzeug mit 164 Insassen gekapert und droht damit, es in das mit 70.000 Menschen vollbesetzte Münchener Fußball-Stadion zu stürzen. Zwei Kampfjets der Bundeswehr steigen auf. Eine Kontaktaufnahme mit dem Passagierflugzeug gelingt nicht, ein Pilot schießt es ab.

Er handelt damit bewusst gegen den ausführlichen Befehl seiner Vorgesetzten, die sich auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts berufen. Das hat realiter 2006 für einen solchen Fall festgestellt, dass der höchste Wert die Menschenwürde ist, dass ein Menschenleben nicht gegen ein anderes aufgerechnet werden kann – auch nicht, wenn das Zahlenverhältnis so unterschiedlich ist wie in diesem Fall. Warum weder Politik noch Kommandanten eine Räumung des Stadions anordneten (immerhin hatten sie dafür fast eine Stunde Zeit), bleibt ungeklärt.

Heinz Simon Keller setzt auf Kargheit, verzichtet auf technischen Aufwand

Theaterchef Heinz Simon Keller hat sich zu einer kargen, strengen Inszenierung entschlossen. Mit wenig Mobiliar wird die Bühne zum Saal für ein Geschworenengericht – die Geschworenen sitzen im Zuschauerraum. Rot glüht anfangs der Bundesadler über dem Richterstuhl, bis zum Ende bleibt er in kühles Blau getaucht.

Keller verzichtet auf „Großaufnahmen“ per Live-Video, ein auch in Theatern durchaus trendiges Mittel, um etwa die Emotionen auf den Gesichtern der Darsteller intensiver zeigen zu können. Sein Ensemble hat das nicht nötig, es zieht das Publikum auch so in seinen Bann.

Dem angeklagten Kampfflieger ist die Anspannung nur selten anzumerken

Da ist der angeklagte Pilot Lars Koch: Matthias Brüggenolte spielt ihn äußerlich selbstbewusst, ernst und gefasst, nur manchmal knetet er nervös die Hände. Als die Nebenklägerin (Tatjana Meiser als Ehefrau eine Passagiers) auftritt, guckt er an ihr vorbei ins Leere. Als er am Ende ihres Auftritts doch noch den Blickkontakt sucht, wird der nicht erwidert.

Josef Tratnik als Vorsitzender Richter: Nüchtern und sachlich führt er durch die Verhandlung als wäre es eine „echte“. Streng auf das Gesetz pochend und jede – mit Moral und Gewissen begründete – Eigenmächtigkeit des Angeklagten verneinend plädiert Susanne Seuffert als Staatsanwältin auf Mord in 164 Fällen.

Leicht arrogant, geübt im juristischen Geplänkel ihr Gegenüber: Hendrik Vogt als Rechtsanwalt weist immer wieder auf die 70.000 Menschen hin, die durch die Entscheidung des Piloten gerettet wurden. Ein „übergesetzlicher Notstand“ haben seinen Mandanten dazu berechtigt, ein kleineres Übel sei einem größeren vorzuziehen.

Ambivalent und mit einem leicht beleidigtem Unterton tritt Kochs Vorgesetzter (Holger Stolz) auf : Er zögert mit seinen Antworten, besteht darauf, streng nach Gesetz gehandelt zu haben – auch wenn er das Urteil des Verfassungsgerichts ablehnt. Da schimmert Sympathie für seinen Untergebenen durch. Keine Antwort weiß er auf die Frage, warum es keinen Befehl zur Räumung des Stadions gegeben habe. Sympathieträger sind die beiden Soldaten nicht unbedingt.

Die Zuschauer haben 15 Minuten Zeit, eine Entscheidung zu finden

Am Ende verkündet der Richter kurz und knapp das Urteil: Der Pilot ist des Mordes schuldig. Dafür hatten zuvor nach 15 Minuten Bedenkzeit-Pause 57 Premierenzuschauer gestimmt, nur 49 warfen ihren Stimmzettel in die Box mit „unschuldig“ (Wie viele entzogen sich der Abstimmung?). Was zu ihrer Entscheidung geführt hat, bleibt in den Urnen verborgen, lässt sich nur spekulieren. Das Ergebnis ist sicherlich eine Überraschung, denn bei der ARD-Ausstrahlung hatten weit über 80 Prozent der Zuschauer auf Freispruch plädiert. Ein hierfür passendes Urteil über den Todespiloten liegt auch im Theater der Keller bereit.

Es ist zweifellos eine spannende und zwiespältige Frage, die von Schirach hier aufwirft. (erinnert sei hier an die Diskussion um die Erpressbarkeit des Staates nach der Entführung Hans Martin Schleyers durch die RAF). Denn egal, wie sich der Pilot (aber auch seine militärischen und politischen Vorgesetzten) entscheidet – moralisch wird er immer auf der Verliererseite stehen. So hat das Stück etwas von einer antiken griechischen Tragödie, wobei hier allerdings die in Szene gesetzte individuelle menschliche Tragik fehlt, stattdessen steht hier die intellektuelle und juristische Auseinandersetzung im Mittelpunkt.

Bleibt die Frage, ob das Theaterstück in der Lage ist, dieses komplexe Thema in voller Breite zu diskutieren und diskutieren zu lassen – oder ob es nicht bloßes Mitmach-Theater auf hohem Niveau ist. Selbst Tratnik springt aus seiner Richterrolle und hinterfragt das Stück. Die Antwort muss sich jeder Zuschauer, jede Zuschauerin selber geben. Auch darauf, ob die Art der Inszenierung ihm bei der Entscheidung geholfen hat.

Terror“ – weitere Vorstellungen: 22., 26. (jeweils 20 Uhr) und 27. (18 Uhr) November, 2. und 3. November (jeweils 19 Uhr), Theater der Keller, Kleingedankstr. 6, 50677 Köln, Karten: Tel. 02 21 / 31 80 59 (Mo-Fr 10-17 Uhr), tickets@theater-der-keller.de, und an allen Vorverkaufsstellen.

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