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Namensfindung für neues Museum

Köln bekommt eine zweite ‚Herzkammer‘

9. August 2016 | 15:00 | red
Diese Box soll die Kölner zur Teilnahme motivieren. Das Jüdische Museum und die darunter liegende Archäologische Zone brauchen einen geeigneteren Namen. Bild: Köln Nachrichten

Diese Box soll die Kölner zur Teilnahme motivieren. Das Jüdische Museum und die darunter liegende Archäologische Zone brauchen einen geeigneteren Namen. Bild: Köln Nachrichten

Die Bauarbeiten für das neue Jüdische Museum auf dem Rathausvorplatz laufen derzeit auf Hochtouren. Nun haben die Verantwortlichen der Stadt Köln und des Landschaftsverbands Rheinland LVR zur Teilnahme an der Namensfindung aufgerufen.

Denn trotz vieler bereits eingegangener Vorschläge und eigener Überlegungen ist den Verantwortlichen bisher noch nicht der große Wurf gelungen. Wie Dr. Marcus Trier und sein Kollege Stephan Otten vom LVR am heutigen Dienstag übereinstimmend betonten, sollen nun die Bürgerinnen und Bürger bei der Suche nach einer passenden Bezeichnung helfen.

Noch vor wenigen Wochen hatten die Verantwortlichen kategorisch ausgeschlossen, dass die Stadtgesellschaft den Namen bestimmen soll. Das wird sich auch mit dem heutigen Aufruf nicht ändern, wie der designierte Museumsleiter Otten betonte. „Wir haben von Anfang an ausgeschlossen, dass die Bürger den Namen bestimmen. An der Namensfindung sollen sie aber mitwirken“, so Otten.

Die Interessierten und Kreativen können ihre Vorschläge auf verschiedenen Wegen einreichen. Neben einer richtigen Box im Bürgerbüro der Stadt am Laurenzplatz und einem Stand im Landeshaus des LVR am Kennedyufer in Köln-Deutz ist dies auch per Mail möglich. Einsendeschluss ist der 15. September. Unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern werden jeweils zehn Jahreskarten für die LVR-Museen sowie zehn weitere Kölner Museumscards verlost.

Lückenschluss in der Kölner Geschichtsdokumentation

Der Leiter des Römisch-Germanischen Museums und damit zugleich auch Leiter der Kölner Bodendenkmalpflege, Dr. Marcus Trier, gab zu Beginn des heutigen Pressegesprächs im Prätorium, dem alten spätrömischen Statthalterpalast, einen Überblick über die Bedeutung des Ortes für die Kölner Geschichte. So ist das Prätorium Zeugnis des antiken, römischen Stadtzentrums.

Nach dem Ende der römischen Hochkultur und dem Einzug der Franken blieb die Nutzung und die zentrale Bedeutung zunächst erhalten. Um das Jahr 800 herum verlagerte der damalige erste Kölner Erzbischof Hildebold das Machtzentrum der Stadt in Richtung Nordosten. Dort entstand auf dem Grund des heutigen Doms ein alter Sakralbau (der alte Dom), der neben seiner Aufgabe als Stammsitz der Kölner Kirchenführer auch dem Kaiser als Herberge und Unterkunft diente. Rund um den römischen Palast entstand ein „städtebauliches Vakuum“, das allerdings schnell gefüllt wurde.

Die erste Jüdische Gemeinde entstand hier im zehnten Jahrhundert nach Christus. Bis zu den Progromen im Anschluss an die mittelalterlichen Pest-Epidemien im Jahr 1349, spätestens aber bis 1424 schließt sich die Zeit der Jüdischen Geschichte Kölns an. Unmittelbar neben dem alten Machtzentrum entstand so ein lebendiges Viertel, dessen Zeugnisse in den vergangenen Jahren in hoher Anzahl ausgegraben und dokumentiert wurden. Rund die Hälfte des insgesamt auf 1,3 Hektar ansässigen Jüdischen Viertels sind archäologisch dokumentiert, auch das ein absolutes Highlight und einmalig für die jüdische Geschichte in Mitteleuropa, wie Trier ausführte.

Außergewöhnliches Haus sucht passenden Namen

Was die Archäologen besonders begeistert ist das Zusammentreffen von Funden und Befund. Ähnlich dem erfolgreichen NS-Dokumentationszentrum, das im EL-DE-Haus, dem vormaligen Sitz der Kölner Gestapo, untergebracht ist, liegen auch hier die Fundstücke der Ausgrabungen und ihr ursprünglicher Fundort unter einem Dach. Die bisherige Arbeitsbezeichnung „Archäologische Zone mit Haus der Jüdischen Kultur ist deutlich zu lang und viel zu sperrig, wie Otten und Trier betonten.

Hinzu kommt, dass sich der neue Museumsdirektor nicht abgrenzen, sondern in die bereits bestehende Museumslandschaft in Köln integrieren will. „Es gibt zahlreiche Berührungspunkte zu den Ausstellungen und Exponaten des Römisch-Germanischen-Museums, des Kölnischen Stadtmuseums und des NS-Dokumentationszentrums. Denn die Geschichte, die im neuen Haus der Öffentlichkeit gezeigt werden soll, endet keineswegs mit der Vertreibung der Juden aus Köln im Jahr 1424 (das so genannte Landjudentum dauerte bis Ende des 18 Jahrhunderts), sondern will auch die jüngere Zeitgeschichte und damit die Geschichte der Juden in Köln beleuchten, so Otten weiter.

Die Idee für ein Jüdisches Museum kursiert schon lange. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, genauer im Jahr 1953, veranlasste der damalige Leiter des Römisch-Germanischen Museum, Otto Doppelfeld, einen Baustopp, trotz des damals mit Verve vorangetriebenen Wiederaufbaus. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass das Prätorium heute zu den am besten archäologisch dokumentierten Statthalterpalästen römischer Bauart gehört. Gerade mal eine Handvoll vergleichbar gut erhaltener römischer Paläste gibt es europaweit. Mit der Regionale 2010 und dem A-Stempel für den Ausbau der Archäologischen Zone folgte der Schwung, der auch das Jüdische Museum wieder auf die Agenda setzte.

Kölns ranghöchster Archäologe ist regelrecht begeistert von den neuen Möglichkeiten, die sich durch den Bau und die Konzeption des neuen Hauses ergeben. „Es ist, als sei das Prätorium die eine und die Archäologische Zone die andere Herzkammer des historischen Kölns“, so Trier abschließend. Beide – Otten und Trier – wollen am 24. August in voraussichtlich mehreren Gruppen dieses Herz, die Besonderheiten des Baus, des Standorts und der damit verbundenen Museumskonzeption interessierten Bürgerinnen und Bürgern erläutern. Die Führungen beginnen um 17 Uhr vor dem Eingang des Prätoriums. Die Teilnahme ist kostenfrei, die Verantwortlichen bitten um vorherige Anmeldung unter: museumsname-gesucht@lvr.de.

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