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Freies Werkstatt-Theater zeigt eine Familie im Kampf gegen Blutkrebs

Die Rettung kommt aus Santa Monica

1. April 2016 | 19:00 | red
"Santa Monica" im Freien Werkstatt-Theater: Esoterischer Schnickschnack soll den Blutkrebs des Sohnes (Christoph Bertram) heilen. © MeyerOriginals / FWT

„Santa Monica“ im Freien Werkstatt-Theater: Esoterischer Schnickschnack soll den Blutkrebs des Sohnes (Christoph Bertram) heilen. © MeyerOriginals / FWT

Der kleine Bruder ist an Leukämie erkrankt. Nun hoffen seine Eltern und sein großer Bruder auf Heilung. Ein schweres Thema, das das Theaterstück „Santa Monica“ von Akin E. Sipal behandelt – überraschend leicht und munter, aber immer ernst und nie oberflächlich. Im Freien Werkstatt-Theater hatte es jetzt Premiere.

Es ist eine Achterbahn der Gefühle, der das Publikum gebannt folgt und sich dabei immer wieder durch Lachen von seiner Spannung befreien kann. Da ist die anfängliche Unsicherheit angesichts unerklärlicher Krankheitssymptome. Dann die erlösende Diagnose der Ärzte, die so erschreckend ausfällt. Das erste Entsetzen, das Auf und Ab während der „Chemos“, dann die Hoffnung auf eine Knochenmark-Spende.

Begleitet wird das Warten von purer Verzweiflung: Die Familie probt jede erdenkliche Esoterik aus, der Vater besucht einen Wunderheiler in Brasilien, Winkekätzchen sollen helfen, Räucherstäbchen, das Kreuz. Als endlich eine Knochenmarkspende kommt, scheint die Transplantation schief zu gehen – doch der Junge springt dem Tod noch einmal von der Schippe.

Christoph Bertram spielt den kleinen Bruder: mit viel Witz, großen Augen, wild grimassierend, manchmal etwas altklug, manchmal vielleicht ein bisschen zu cool. Moritz Heidelbach ist der große Bruder: hilfsbereit, wie es sich für einen großen Bruder gehört, der sich dann aber – mit Recht – vernachlässigt fühlt, weil sich alles um den Jüngeren dreht. Schließlich Fiona Metscher als Mutter und Valentin Stroh als Vater: Sie liefern sich heftige Wortgefechte auch jenseits der Schmerzgrenze, sie trauern, freuen sich und muntern einander auf.

Für Geld ein besserer Warteplatz? Das Stück lässt nichts Denkbares aus

Das „gesunde“ Trio übernimmt noch andere Rollen: etwa den Fernseh-Arzt, der mit Legosteinen Leukämie erklärt, die kaugummischmatzende Ärtzin, die sich vor einer klaren Aussage drückt, den Arzt, der sich nicht bestechen lässt, weil er kein „Fachgeschäft für Warteplätze“ führt. Hier wird nichts Denkbares im Kampf um die Rettung des Jungen ausgelassen.

Die Inszenierung ist eine Koproduktion mit der Essener Folkwang-Schule. Studentin Anne-Kathrine Münnich liefert hier ein überzeugendes Regie-Debüt. Konzentriert schickt sie das Ensemble auf die fast kahle Bühne, lässt dem Publikum keine Zeit zum Atemholen (was manchmal nötig wäre) und gibt zugleich dem befreienden Humor Platz, der in dem Stück steckt.

Nach 70 mitreißenden Minuten eine verstörende Schlusspointe: Als junger Erwachsener besucht der kleine Bruder die Frau, die ihm ihr Knochenmark gespendet hat – eine Lehrerin aus dem kalifornischen Santa Monica. Das höchste Lebensglück – so erklärt sie –, sei mit einem Luftgewehr auf Coladosen zu schießen.

Santa Monica“ – weitere Termine: 2., 16. April, 19. bis 21. Mai, Jeweils 20 Uhr, Freies Werkstatt-Theater, Zugweg 10, 50677 Köln, Karten: Tel. 02 21 / 32 78 17, E-Mail: fwt-koeln@t-online.de. Weitere Informationen zum Theater finden sie auch im Internet unter: www.fwt-koeln.de.

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