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„Wir sind keine Barbaren“: Premiere im Theater der Keller

Freie Fahrt den rassistischen Vorurteilen

15. März 2015 | 16:00 | red
"Wird sind keine Barbaren" – oder doch? Linda Doege, Matthias Lühn, Arno Kempf und Susanne Seuffert (v.l.) im Theater der Keller. Foto: MyerOriginals / TdK

„Wird sind keine Barbaren“ – oder doch? Linda Doege, Matthias Lühn, Arno Kempf und Susanne Seuffert (v.l.) im Theater der Keller. Foto: MyerOriginals / TdK

Endlich mal alle rassistischen Vorurteile herauslassen, die negativen wie die positiven – die beiden Pärchen nehmen kein Blatt vor den Mund. Auslöser ist ein „Schwarzer“, der bei dem einen Unterschlupf gefunden hat.

„Wir sind keine Barbaren“ heißt das Theaterstück, bei dem die „political correctness“ seziert wird. Im Theater der Keller hatte es jetzt Premiere.

Wie verhält man sich zu einem Flüchtling, der vom Regen durchnässt an die Tür geklopft hat, dessen Sprache man nicht versteht, den man – warum bloß – aufgenommen hat und der nun länger bleibt als geplant? Der Bobo oder Clint heißt, ganz sicher aber ein Schwarzer ist. Der vielleicht gefoltert wurde.

Er weckt Ängste und Gelüste, Schuld- und Überlegenheitsgefühle – für Gesprächsstoff zwischen den zwei Pärchen, die ihre gegenseitige Abneigung unter nachbarschaftlichem Gesülze verstecken, ist also gesorgt. Über Bobo wird im Übrigen nur geredet. Aber das ist ja auch bei der aktuellen Flüchtlings-Debatte so.

Die vier Protagonisten sind ein Querschnitt aus einem alternativen Milieu

Da sind einmal Mario und Barbara, die den Fremden aufgenommen haben. Der klopfte gerade rechtzeitig, um den lustfreien Abend zu retten – denn zwischen den beiden läuft schon lange nichts mehr. Couchpotatoe Mario (Arno Kempf) entwickelt Geräusche für Elektroautos, sie (Susanne Seufert) ist Köchin, natürlich vegan, und die einzige, die bewusst auf der politisch korrekten Seite steht, für Asyl und gegen postkoloniale Ausbeutung argumentiert. Linda (Julia Doege) und Paul (Matthias Lühn) sind jünger: sie eine hippe Fitnesstrainerin, er ist in seine eigenen Witze verliebt. Ihr Liebesleben lässt nichts zu wünschen übrig.

Ein bisschen zu schrill und zu laut hat Steffen Jäger das Stück von Philipp Löhle inszeniert, das erst im vorigen Jahr uraufgeführt wurde. Leise Töne sind hier nicht gefragt. Die Charaktere sind so hart an der Karikatur angesiedelt: Klischees eines alternativen, sich aufgeklärt gebenden Milieus, das keine Geldsorgen kennt. Bevor es insbesondere durch Barbara zu politisch und pädagogisch wird, kommt ein Witz – auf Kosten des Fremden. Die Pointen sind perfekt gesetzt – eine intelligente Boulevard-Komödie.

Haben Schwarze den größeren „Mister Mick“ – wirklich nur ein Frauenthema?

Da diskutieren die Frauen lustvoll, ob Schwarze wirklich den größeren „Mister Mick“ haben. Paul baut vorbeugend einen „panic room“ – bei einem Schwarzen in der Nachbarschaft kann man ja nie wissen. Wobei die Europäern den anderen Menschen ja in Sachen Zivilisation um 13.000 Jahre voraus sind. Darf man von Bobo für das kostenlose Wohnen als Gegenleistung Hilfe im Haushalt erwarten – oder ist das Ausbeutung?

Wie in antiken griechischen Tragödien setzt der Autor einen Chor ein. Christoph Bertrams, Raphaela Kiczkas und Patrick Stauffenbergs „Heimatchor“ verkörpern den deutschen Stammtisch, der Angst vor allem hat und um die Früchte des Wohlstands fürchtet: „Wir brauchen Strom – aber keinen Flüchtlingsstrom.“. Bewundernswert der perfekte Sprechgleichklang des Trios.

Am Schluss ist Barbara tot: Von Bobo mit dem Flachbildschirm erschlagen, den ihr Mario zum Geburtstag geschenkt hat, damit er besser Fußball gucken kann. Natürlich – sind sich die drei anderen einig – musste das so kommen: Wenn Wirtschaftsflüchtlinge erst einmal am Wohlstand geleckt haben…

Oder hat ein anderer zugeschlagen? Vielleicht ein eifersüchtiger Mario, schließlich hatten Barbara und Bobo etwas miteinander? Das Publikum wird in die Ungewissheit entlassen. Lauter Premierenbeifall.

Wir sind keine Barbaren“ – weitere Termine: 15. März (18 Uhr), 26. März, 1. April, jeweils 20 Uhr, Theater der Keller, Kleingedankstr. 6, 50677 Köln, Karten: Tel. 02 21 / 31 80 59 (Mo-Fr 10-17 Uhr), tickets@theater-der-keller.de, www.offticket.de und an allen Vorverkaufsstellen.

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