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Theater der Keller bringt preisgekrönten Film „Entre les murs“ auf die Bühne

Lehrer und Schüler proben den Klassenkampf

17. Oktober 2015 | 17:00 | ehu
Turbulent geht es auf der Bühne zu, wenn im Theater der Keller "Die Klasse" aufgeführt wird. Foto: MeyerOriginals / TdK

Turbulent geht es auf der Bühne zu, wenn im Theater der Keller „Die Klasse“ aufgeführt wird. Foto: MeyerOriginals / TdK

Ihren Lehrer reden sie am liebsten mit „Fick dich, Alter“ an. Untereinander sind Votze, Bitch und Opfer üblich, der Stinkefinger ist normal. Nein, hier hat der Lehrer keinen leichten Stand. „Die Klasse“ heißt das Stück, mit dem das Theater der Keller die Besucher in seinen Bann zieht.

Zugrunde liegt dem Stück das Buch „Entre les murs“, in dem der französische Lehrer Francois Begaudaeu seine eigene Erfahrungen an einer Schule mit einem hohen Migrantenanteil beschreibt. Die Verfilmung erhielt zwei Jahre später 2008 die „Goldene Palme“ in Cannes. In Köln reichert Regisseur Nils Daniel Finckh die Geschichte mit den Erfahrungen von drei Jugendlichen an, die als Flüchtlinge nach Köln kamen.

Neun Schauspielschülerinnen und drei Amateure bilden ein starkes Team

Mit den neun Schülern und Schülerinnen der theatereigenen Schauspielschule bilden sie ein energiegeladenes, spielfreudiges, in jeder Sekunde überzeugendes Ensemble, bei dem es kaum einen Unterschied in der darstellerischen Qualität gibt. Sie spielen Jugendliche zwischen 16 und 19 Jahren, ein buntes Spektrum von Charakteren, von der eher schüchternen Bauerntochter bis zum großkotzigen selbsternannten „Superstar“, vom „Philosophen“ bis zur zuschlagenden jungen Frau.

Nur wenige von ihnen haben einen „normalen“ Familienhintergrund und eine gradlinige Schulkarriere hinter sich. Die anderen sind geprägt von Sitzenbleiben und Schulwechseln als Strafmaßnahme, von gestörten Familienverhältnissen und misslungener Integration. „Disziplin“ im gängigen Sinne kennen sie nicht: Sie kommen zu spät zum Unterricht, machen keine Hausaufgaben, legen die Füße auf den Tisch. Wie schwierig der Umgang mit ihnen auch in der Realität ist, erfuhr das Theater am eigenen Leib: Wegen Unzuverlässigkeit musste einer der Laien-Spieler aus dem Ensemble geschmissen werden.

Dabei sind sie eigentlich nur Pubertierende, die ihren Platz in der Gesellschaft suchen, die sie bisher nicht ernst genommen hat. Die ihre Angst vor einer unsicheren Zukunft hinter Großtuerei verstecken, die ihre eigenen Fähigkeiten (noch) nicht einordnen können: Sollen sie Tierärztin oder Tänzerin werden? Man möchte sie liebevoll in den Arm nehmen und ihnen gleichzeitig eins hinter die Ohren geben.

Kann das Futur II dabei helfen, die eigene Zukunft erfolgreich zu vollenden?

Was soll man diesen Jugendlichen beibringen? Kann ihnen das Beherrschen des Futurs II im Leben helfen? Verzweifelt sucht der Lehrer (hervorragend Jonas Müller-Liljeström) den Kontakt zu ihnen, was ihm nur stellenweise gelingt. Etwa wenn er von seiner eigenen Scham spricht, ins Leere läuft dagegen der Versuch, mit Rilkes Panter-Gedicht Parallelen zum Leben der Jugendlichen aufzugreifen. Das Mitgefühl des Publikums dürfte ihm zumindest bis zu dem Zeitpunkt sicher sein, als er davon phantasiert, „einen von ihnen umzubringen“.

Zwei Welten prallen unversöhnlich aufeinander. Hier der Lehrer, der nach bestem Wissen und Gewissen versucht, den Jugendlichen etwas beizubringen, der auf Einhaltung einer Ordnung besteht. Dort die Schülerinnen und Schüler, die Respekt einfordern. Da ist die Tatsache, dass der Lehrer sie duzt und sie ihn siezen müssen, mehr als nur eine Petitesse.

Diese Inszenierung dürfte sich zum Hit von Schulbesuchen entwickeln

Das Scheitern des Lehrers scheint letztlich unvermeidbar: Als er in einer Schulkonferenz einer Schülerin „beschränkte schulische Fähigkeiten“ bescheinigt und damit ihren Abschluss gefährdet, solidarisiert sich die zuvor in wechselnden Konstellationen zerstrittene Klasse mit der Mitschülerin und gegen den Lehrer.

Die Klasse“ ist nur ein Theaterstück. Aber durchaus auch ein Spiegelbild aktueller schulischer Realität in Deutschland. Die „Doppelstunde“ Theater dürfte sich zum Hit von Schulbesuchen entwickeln. Heftige Diskussionen danach über Aufgabe und  Zustand des deutschen Bildungssystems inbegriffen.

Die Klasse“ – weitere Termine: 20. und 29. Oktober, 10., 20., 21. (19 Uhr) und 27. November, jeweils 20 Uhr, Theater der Keller, Kleingedankstr. 6, 50677 Köln, Karten: Tel. 02 21 / 31 80 59 (Mo-Fr 10-17 Uhr), tickets@theater-der-keller.de, und an allen Vorverkaufsstellen.

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