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Schauspiel eröffnet mit „Karnickel“ die neue „Kleine Bühne“ am Offenbachplatz

Wenn die Realität die Utopien frisst

5. Oktober 2016 | 13:30 | ehu
Ina (Yvon Brendel) sucht Selbstverwirklichung im Bauchtanz, sehr zum Unwillen ihres Noch-Ehemannes. Foto: David Baltzer / Schauspiel

Ina (Yvon Brendel) sucht Selbstverwirklichung im Bauchtanz, sehr zum Unwillen ihres Noch-Ehemannes. Foto: David Baltzer / Schauspiel

Am Anfang stand der Traum von einer besseren Welt. Doch der zerschellte an der Realität. Gleich drei Generationen lecken nun im Theaterstück „Karnickel“ ihre Wunden. Eine feine Ironie, dass das Schauspiel damit seine neue „Außenspielstätte“ eröffnet. Dort, wo der Traum von einer schnellen Opern- und Schauspielsanierung zerplatzte.

Karnickel“ ist das neue Stück von Dirk Laucke. Von ihm zeigte das Schauspiel schon „Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute“. Weil dem Dramatiker die Inszenierung von Pinar Karabulut gefiel, durfte sie nun „Karnickel“ uraufführen. Ging es vorher um rechte Spießbürger, nimmt sich Laucke jetzt die linksliberalen Bildungsbürger vor.

Die leben im eigenen Haus – schon das ein Verrat an alten Ideen . Das ist so klein, dass man es nur gebückt betreten kann, ein wahres Puppenheim, das keinen Platz für die Realität hat. Es sei denn, es wird gedreht und dient als Kiosk oder Gruppenraum für Sozialtherapie (Bühnenbild: Franziska Harm).

Opa Hermann ist dement – das hilft kann durchaus beim Erinnern helfen

Am einfachsten hat es noch der Opa (Werner Rehm), die Misserfolge der Vergangenheit zu „bewältigen“: Er ist dement, da bleiben vor allem die alten hehren Utopien in der Erinnerung. Nur manches existiert für ihn immer noch – wie „Blacky“: ein Hauskaninchen, das vor 20 Jahren ausgebüxt ist und vom Nachbar-Rottweiler gefressen wurde. „Zuchttiere sind für Freiheit eben nicht gemacht“, heißt es dann auch. Gegen Schluss tauchen die Nager dann im bedrohlichen Riesenformat auf – nicht nur als Alp nach reichlich Alkoholgenuss.

So wie Opa Hermann gegen das Establishment und damit gegen seine Eltern aufbegehrte, so auch Enkel Juri (Thomas Brandt): „Hoffentlich sterbe ich, bevor ich so tot bin.“. Er ist früh ausgezogen, hält sich für einen Musiker, kleidet sich in existenzialistisches Schwarz, ist Veganer und trägt ein Spray gegen Keime mit sich. Dass seine Freundin Nadja (Magda Lena Schlott) schwanger ist, fällt ihm nicht auf – und als er es erfährt, weiß er mit der Verantwortung nichts anzufangen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht das Ehepaar Ina und Robert Brendel

Im Mittelpunkt – nicht nur genealogisch – steht das Ehepaar Ina und Robert Brendel (Yvon Jansen und Benjamin Höppner). Sie wurde bei einem Überfall von jungen Migranten brutal zusammengeschlagen, er hatte die Männer gegen den Willen seiner Frau durch Worte provoziert und stand ihr bei der Attacke nicht bei. Nun nimmt sie – gegen seinen Willen – an einem Täter-Opfer-Ausgleich teil, will sich scheiden lassen und hat Ablenkung beim Bauchtanz gefunden.

Er hat neben Ehe- und Erziehungsproblemen noch ein berufliches: Dem wohl eher mittelmäßigen Filmregisseur wurde als Uni-Institutsleiter gekündigt. Eine Frau erhält seinen Job, ihm wird nur noch eine Gastdozentur angeboten. Das kratzt gewaltig an seiner Mannesehre, was natürlich nicht sein darf. Doch er übt schon entschuldigende Bewerbungsreden. Ob mit Erfolg, bleibt am Ende offen.

Schließlich ist da noch der Sozialarbeiter und Bauchtanzlehrer Matschke (Mohamed Achour), dem die Gutmensch-Phrasen (man kann verstehen, warum „Gutmensch“ eine überwiegend negative Bedeutung erhalten hat) nur so aus dem Mund quillen. Die Schläger sind für ihn nur „Übergriffige“, der Überfall ist für ihn schlimmstenfalls ein „Vorfall“. Dass sich die Täter abgesetzt haben, ohne ihre Strafe zu zahlen, kann sein Bild vom Guten im Menschen nicht erschüttern. Doch der körperlichen Gewalt ist er auch mächtig, wie sich in der zunächst nur verbalen Auseinandersetzung mit Robert Brendel zeigt.

Der Spaß an Dialogen und Puschelkostümen überträgt sich auf das Publikum

Laucke kennt sich bei den wissenschaftlichen Halbgöttern aus, die den 68er die theoretische Basis bereiteten. Er zitiert sie und lässt seine Protagonisten damit munter drauflos und oft genug aneinander vorbei dialogisieren – da weht ein Hauch von Boulevard durch den kahlen Betonsaal. Dem Bühnensextett macht das sichtlich Spaß und steckt damit das Publikum an. Dazu tragen auch die Puschelkostüme von Nadja, Ina und Matschke mit ihren ausladenden Hüften und Riesenohren bei, die die Bauchtanzbewegungen ins Groteske überhöhen und irgendwie an Karnickel erinnern (Kostüme: Bettina Werner).

Schließlich wird Trauerarbeit am eigenen Versagen geleistet und der „Unsterblichen Opfer“ der niedergeschlagenen russischen Revolution von 1905 gedacht. Doch als verbindendes Lied der Generationen erweist sich das italienische Partisanenlied „Bella cia“. Da wippt so mancher Zuschauerfuß leise mit. Um so lauter ist dann der Schlussbeifall des Premierenpublikums. Geht’s in der „Kleinen Bühne“ so weiter, sind die skandalisierten 40.000 Euro Mehrausgabe für eine Klimaanlage mehr als nur gut angelegt.

Karnickel“ – weitere Termine: 6., 14., 15., 20. und 21. Oktober, jeweils 19.30 Uhr, Schauspiel Köln, Außenspielstätte am Offenbachplatz, Karten: Tel. 0221 / 22 12 84 00, Fax 0221 / 22 12 82 49, E-Mail: tickets@buehnenkoeln.de, dazu alle Vorverkaufsstellen von KölnTicket. Kartenservice mit Vorverkauf und Abo-Büro in der Opernpassage zwischen Glockengasse und Breite Straße.

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