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Freies Werkstatt-Theater dramatisiert die Erzählung „Erschlagt die Armen!“

Vom Scheitern der Suche nach Glück

6. November 2016 | 15:30 | ehu
Die Dolmetscherin (Nina Karimy) sucht Trost in den Armen der Schauspiel-Kollegen Lisa Bihl und Lucas Sanchez. @ MeyerOriginals / FWT

Die Dolmetscherin (Nina Karimy) sucht Trost in den Armen der Schauspiel-Kollegen Lisa Bihl und Lucas Sanchez. @ MeyerOriginals / FWT

Warum hat die Frau den Mann „mit der gleichen Hautfarbe“ mit der Flasche erschlagen? Einen Landsmann, der – wie sie selber – nach Frankreich ausgewandert ist, um dort ein besseres Leben zu finden. Das freie Werkstatt-Theater hat die biografisch gefärbte Erzählung „Erschlagt die Armen!“ von Sinha Shumona dramatisiert, jetzt war Premiere.

Im Mittelpunkt stehen die Erfahrungen der Autorin (aus Indien eingewandert), die als Dolmetscherin in einem Pariser Amt für die Anerkennung von Flüchtlingen arbeitete. Hier erlebte sie, mit welchen Lügen die Menschen – überwiegend aus der Unterschicht – versuchen, als politische Flüchtlinge anerkannt zu werden.

Tatsächlich aber wollen sie nur der Armut entkommen. So stammeln sie herum, verwickeln sich in offensichtliche Lügen, schmeißen die Fakten durcheinander, die ihnen die Schlepper für die Täuschung eingetrichtert haben. Und wenn sie – wie verlangt – die Wahrheit sagen, werden sie erst recht abgelehnt.

Eine Massenvergewaltigung? „Alles Lüge“, sagen die Entscheider

In der Dolmetscherin entwickelt sich langsam Hass auf diese Männer, die auch unfähig sind, in der neuen Umgebung selbstbewusste und selbstständige Frauen zu akzeptieren. Als aber eine verschleierte Frau von einer Massenvergewaltigung erzählt, kann sie ihr Mitleid nicht zurückhalten. Doch „eine sehr beliebte Lüge“, erklären ihre Vorgesetzten auch hier – und lehnen den Antrag auf Asyl ab.

Es wächst die Abneigung gegen ihre Landsleute (hier fiktiv aus Bangladesh) und die Amts-Bürokratie, die nur Fälle, keine Menschen sieht. Immer unklarer wird sie sich auch über die eigene Rolle in diesem System. Eher im Affekt erschlägt sie in der Metro den Mann, der ihr zu nahe kommt und sie wohl von einem Termin im Amt kannte.

Hauptdarstellerin Nina Karimy lässt das Publikum nicht kalt

Das alles wird von Daniel Kuschewski bisweilen recht statisch inszeniert. Nina Karimy spielt voller Empathie die Hauptrolle. Sie beherrscht die Szene. Ihre langsam wachsenden Selbstzweifel, der sich aufstauenden Hass auf die bürokratischen Kollegen und die Bittsteller lassen das Publikum nicht kalt.

Lisa Bihl und Lucas Sanchez – ihre dunkle Kleidung steht im Kontrast zu Karimys Goldflitter-Kleid – übernehmen die Rollen der Kollegen, der Migranten und des Vernehmungsbeamten. Dazu liefern sie die gliedernden Erklärungen, sind verantwortlich für Musik und Geräusche. Das alles prasselt aus über einem Dutzend riesiger Lautsprecher auf die Hauptperson ein. Die reißt nach etwas mehr als einer Stunde Spielzeit die Anschlusskabel heraus – ein Befreiungsschlag. Wie der Schlag mit der Flasche. (Die echte Sinha Shumona erhielt nach ihrer Entlassung als Dolmetscherin eine Stellung als Lehrerin für Flüchtlinge).

So weit, so gut. Dem Programmzettel ist zu entnehmen, was mit der Aufnahme dieses Stücks ins Programm wohl beabsichtigt war: aufzuklären über die Verantwortung der Ersten Welt für die Zustände in den Entwicklungsländern. Und damit zumindest ein faktisch begründetes Verständnis für die „Wirtschaftsflüchtlinge“ zu wecken. Angesichts der aktuellen „Flüchtlingswelle“ aus diesen Ländern ein mehr als notwendiges Anliegen.

Diesem Anspruch aber wird dieses Stück nicht gerecht, das gibt es nicht her. Leider.

Erschlagt die Armen!“ – weitere Vorstellungen: 17. bis 19. November, 18. Dezember, jeweils 20 Uhr, Freies Werkstatt-Theater, Zugweg 10, 50677 Köln, www.fwt-koeln.de, Karten: Tel. 02 21 / 32 78 17, E-Mail: fwt-koeln@t-online.de.

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