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Ein Haus mit virtuellen Wänden soll an das Nagelbomben-Attentat erinnern

Entscheidung für Keupstraßen-Denkmal ist gefallen

8. November 2016 | 11:30 | ehu
So stellt sich der Künstler Ulf Aminde Umsetzung und Standort des Denkmals an der Ecke Keup- und Schanzenstraße (links) vor... Visualisierung_ Ulf Aminde/NS Dok

So stellt sich der Künstler Ulf Aminde Umsetzung und Standort des Denkmals an der Ecke Keup- und Schanzenstraße (links) vor… Visualisierung_ Ulf Aminde/NS Dok

An dieses Denkmal wird man sich gewöhnen müssen: Die einen Hälfte ist unübersehbarer massiver, unveränderlicher Beton, die andere ist – sich stetig verändernd – nur als App über ein Smartphone sichtbar.

So soll das Gedenk- und Mahnmal für die Opfer des Nagelbomben-Attentats in der Keupstraße nach einem Entwurf des Berliner Künstlers Ulf Aminde aussehen, entschied jetzt die Jury. Der permanente und für jeden sichtbare Teil ist ein etwa 25 x 6 Meter messendes Betonfundament. Es bildet im Maßstab 1:1 den Grundriss des Hauses in der Keupstraße nach, vor dem am 9. Juni 2004 die Nagelbombe gezündet wurde.

22 Menschen wurden dadurch zum Teil schwer verletzt. Die Tat wird der rechtsextremen Terrorgruppe NSU zugerechnet, gegen deren Mitglied Beat Zschäpe derzeit vor dem Oberlandesgericht in München verhandelt wird.

Nur Besitzer von Smartphones können das Denkmal „richtig“ sehen

... und so werden es die Besitzer von Smartphones sehen. Visualisierung: Ulf Aminde/NS Dok

… und so werden es die Besitzer von Smartphones sehen. Visualisierung: Ulf Aminde/NS Dok

Die Wände dieses Hauses werden dagegen nur für Besitzer eines Smartphones über eine App sichtbar sein. Sie werden nichts anderes sein als Filme, die dauernd ergänzt werden. Themen können sein der NSU-Prozess, das Attentat und seine Folgen (so wurde ein rechtsextremer Hintergrund sofort ausgeschlossen und die Opfer lange zu Tätern gemacht), Beispiele für ein friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen, aber auch der aktuelle Rassismus in Alltag und Institutionen. Gedreht werden sollen die Filme von Kunststudenten, von Schülern benachbarter Schulen und auch den Anwohnern der Keupstraße.

In seiner Umsetzung erfülle das Denkmal die in der Ausschreibung festgelegten Kriterien, erklärte Jury-Mitglied und Kunsthistorikerin Barbara Hess: Es diene der Erinnerung, werde zum Treffpunkt und sei zukunftsfähig, also wandlungsfähig. Gelobt wurde auch die auf Dauer angelegte Zusammenarbeit verschiedener Bevölkerungsgruppen bei der Erarbeitung der Filme. „Es sollte kein Denkmal werden, an dem man seine Handtasche aufhängen kann“, war der Anspruch von Meral Sahin, die als Vorsitzende der IG Keupstraße ebenfalls in der Jury und der Vorbereitungsgruppe saß.

Unklar ist noch der künftige Standort des „Birlikte-Platzes“

Unklar ist noch der künftige Standort. Die Initiatoren hoffen auf einen künftigen „Birlikte-Platz“ auf der Ecke Keup- und Schanzenstraße, dem „Eingang“ in das quirlige Geschäftsleben. Dort steht bislang aber noch eine Backsteinmauer, die den ehemaligen Güterbahnhof Mülheim abschirmt. Noch steht nicht fest, was dort entstehen wird. In der Ausschreibung für die künftigen Investoren ist aber festgelegt, dass ein Platz für ein Denkmal bereitgestellt werden muss.

Lange hat es gedauert, bis am vergangenen Sonntag die einstimmige Entscheidung für den Aminde-Entwurf fiel. 2014 hatte der Rat grundsätzlich den Bau eines Denkmals beschlossen. Dessen Umsetzung vorangegangen waren lange Diskussionen, vorangetrieben durch Werner Jung. Der Direktor des NS-Dokumentationszentrum hat Erfahrung in solchen Beteiligungsprozessen, die auch am Anfang des Denkmals für Deserteure oder die Hinrichtungsstätte der Gestapo im Innenhof des NS-Dok.

Das Denkmal entstand nach ausfürlichen Diskussionen mit den Anwohnern

Ulf Aminde zeigt im NS-Dokumentationszentrum auf einem Bildschirm, wie das Denkmal für das Keupstraßen-Attentat aussehen soll. Bild: ehu

Ulf Aminde zeigt im NS-Dokumentationszentrum auf einem Bildschirm, wie das Denkmal für das Keupstraßen-Attentat aussehen soll. Bild: ehu

Zunächst hatten die Anwohner der Keupstraße ihre Wünsche und Vorstellungen formuliert. Diese wurden dann mit den 10 Künstlern und Künstlergruppen diskutiert, die eine Expertenrunde zum Wettbewerb eingeladen hatte, es wurden dann aber nur neun Entwürfe eingereicht. In der Jury saßen Vertreter der Keupstraße, Kunstexperten und Politiker. Über den Siegerentwurf mit geplanten Kosten von 50.000 Euro muss nun wieder der Rat entscheiden.

Neben der Standortfrage ist auch der Zeitplan noch ungeklärt. Die beteiligten rechnen mit bis zu sieben Jahren. Über zwischenzeitlich schon fertig gestellte Filme soll die Öffentlichkeit regelmäßig informiert werden. „Das Projekt ist gut, da lohnt es sich, zu warten“, sagt Sahin.

Ulf Amide (Jahrgang 1969), ist Künstler, Filmemacher und Dozent an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. Seit diesem Sommersemester leitet er die *foundationClass für Flüchtlinge, die in ihrer Heimat schon ein Kunst- oder Designstudium aufgenommen hatten oder beginnen wollten. Seine Arbeiten sind regelmäßig in Ausstellungen zu sehen.

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