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„Hilfe holen ist kein Petzen und Verrat“

16. März 2010 | 14:36 | red



(js) „Das Thema Missbrauch darf man nicht den Institutionen überlassen, die als Träger von Schulen oder Heimen selber betroffen sind“, empört sich Ursula Enders, Geschäftsführerin von „Zartbitter“, der Kölner Kontakt- und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen. Unverständlich findet sie es deshalb, dass zum geplanten Runden Tisch des Bundesfamilienministeriums zwar Vertreter der Kirchen und der Wohlfahrtsverbände eingeladen sind, nicht aber Vertreter der Opferorganisationen wie Zartbitter, N.I.N.A., Tauwetter oder Wildwasser. Außerdem, so Endres weiter, blockiere das Ministerium seit zwei Jahren die Umsetzung eines Nationalen Aktionsplanes“, mit dem Missbrauch in Institutionen verhindert werden könne, obwohl sich Berlin schon 2002 zum Vorgehen gegen Missbrauch verpflichtet habe. Deshalb stellte sie am Dienstag das Konzept „Grenzen achten! Schutz vor sexuellen Ãœbergriffen in Institutionen“ vor, Grundlage des Aktionsplans.

Besonders anfällig für Missbrauch seien Institutionen mit autoritären Leitungstrukturen, in denen die Täter die persönlichen Abhängigkeiten zu ihrem Vorteil nutzen könnten. Besonders einfach hätten diese es, wenn dazu – wie in der katholischen Kirche – eine rigide Sexuallehre komme. Gefährlich seien aber auch „verwahrloste“ Einrichtungen, in denen alles „freundschaftlich“ oder in einem Leitungsvakuum geregelt werde. Sie forderte stattdessen strenge Regeln. So dürfe in den Haus- oder Schulordnungen nicht nur das Verbot von Schlägen festgehalten werden, sondern auch das Gebot der „Grenzachtung“, etwa „Niemand darf dich gegen deinen Willen berühren“. Zudem müsse es neben einer internen grundsätzlich auch eine externe Ansprechstelle geben. Es gelte: Hilfe holen ist kein petzen und Verrat! Bei sexuellen Grenzverletzung müsse es klare Verfahrensregeln geben, wie damit umgegangen wird. Vor allem sei ein „respektvoller Umgang“ mit den Opfern nötig. Zur Problemsensibilisierung könne auch ein Fragebogen für Schüler oder Mitarbeiter bei deren Ausscheiden aus der Institution dienen.

Enders stellte klar, dass es nicht allein um Institutionen der Kirche gehe, auch wenn gerade diese zur Zeit besonders für Schlagzeilen sorgten. Sexuelle Ausbeutung gebe es auch in Internaten, in Einrichtungen der Jugendhilfe, kommerziellen Angeboten wie Ferienfahrten, aber auch im Sport. Dort besonders im Leistungssport, wo Kinder wenig Möglichkeiten hätten, zu einem anderen Verein zu wechseln. Außerdem warnte sie davor, aktuellen Opfern Angst vor „lebenslangen Schäden“ zu machen. Dies betreffe vor allem die Menschen, die vor 40 oder 50 Jahren zu Opfern wurden und sich jetzt erst zu offenbaren trauten. „Wenn es zu einer korrekten Aufklärung kommt und das soziale Umfeld stimmt, kann es in 50 Prozent der Fälle zu einer Selbstheilung kommen“, machte sie Mut.

Schließlich forderte Enders noch eine finanzielle Absicherung für die Arbeit der Opfervertretungen: „Ungeheuerlich, dass es die nicht gibt!“ Zartbitter betreut jährlich rund 500 Fälle von sexuellem Missbrauch, davon mehr als die Hälfte in Institutionen. Verstärkt fragen auch Einrichtungen nach, wie sie vorbeugen können. Von den meisten der jetzt bekannten Missbrauchsfälle habe man intern schon lange gewusst, mit Rücksicht auf die Opfer aber nichts unternehmen können. „Wenn wir bei den entsprechenden Institutionen etwa von der evangelischen oder katholischen Kirche nachgefragt haben, wurden wir in der Regel abgeschmettert“, berichtet Enders.

Mehr Informationen zur Vereinsarbeit finden Sie auch im Internet unter: www.zartbitter.de.