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Bildband zeigt 1400 Fotos aus dem Archiv des NS-Dokumentationszentrums

Köln in der NS-Zeit: Der private Blick

23. November 2016 | 10:00 | ehu
Über drei Kilo schwer ist der Bildband, den der emons-Verlag jetzt zu einem spektakulären "Freundschaftspreis" von nur 29,95 Euro vorlegt.  Cover: Emons Verlag

Über drei Kilo schwer ist der Bildband, den der emons-Verlag jetzt zu einem spektakulären „Freundschaftspreis“ von nur 29,95 Euro vorlegt. Cover: Emons Verlag

125.000 Fotos verwaltet das NS-Dokumentationszentrum in seinem Archiv. 1400 davon hat Direktor Werner Jung jetzt für den erschienenen Prachtband „Köln 1933 – 1945 – Bilder einer Stadt im Nationalsozialismus“ ausgesucht. Fast alle werden erstmals veröffentlicht.

Darunter auch solche bekannter Fotografen, doch die meisten stammen aus Privatbesitz, die Autoren sind oft unbekannt. Sie wurden von den Erben dem Archiv des NS-Dok zur Verfügung gestellt, manche gar aus dem Müll gerettet. Jung hofft auf weitere Schenkungen. Denn gerade die Familienalben gewähren einen oft atemberaubenden Blick in den Alltag der NS-Zeit und auch, wie die nationalsozialistische Ideologie den Alltag eroberte.

Was inzwischen kaum noch als „Entdeckung“ gefeiert werden dürfte: Das Naziregime hatte schon früh zahlreiche Unterstützer auch in Köln. Wer trotzdem immer noch an die Legende der nazi-resistenten, gar widerständigen „Metropole des Westens“ glaubt – hier wird er noch einmal des Besseren belehrt. Es beginnt mit Gruppenfotos von Parteiorganisationen (das älteste aus dem Jahr 1926): In den Aufmärschen wurde die spätere Propaganda vorweggenommen. Wir sehen die mit Hakenkreuz-Flaggen behängten Häuser. Wir sehen Schnappschüsse von Nazi-Prominenz, die im Familienalbum sicher bestaunt wurden. Wenn es damals schon Selfies gegeben hätte…

Die Fotos erzählen die kleinen Geschichten vom Stolz, dazuzugehören. Auch die des kleinen Jungen, der Ende 1933 begeistert einem Spielmannszug zu Ehren von SA und SS begleitet? Ob er die erste Verfolgung von Juden, den Boykott ihrer Geschäfte, die Verwüstung ihrer Ladenlokale mitbekommen hat? Auch davon gibt es Fotos. Auch vom dem mit blauen Flecken übersäten nackten Rücken eines Juden, ein unbekannter Fotograf hielt das Bild fest.

Fotos von Opfern des NS-Regimes sind rar, stattdessen feierten sich die Täter

Doch die Fotos von Opfer der Nazi-Gewaltherrschaft sind rar. Eher feiern sich die Täter. So gab es die Foto-„Trophäen“, die Soldaten von der Front nach Hause mitbrachten. „Abschaum der Menschheit“ wird das Bild eines schwarzen, in deutsche Gefangenschaft geratenen französischen Soldaten beschrieben. „Erschossenes Flintenweib“ und „Ein waschechter Jude“ heißt es unter anderen – man ahnt einen versteckten Stolz, gepaart mit rassistischer Abscheu vor der „Beute“.

Doch bis Kriegsbeginn ging man ins Theater, trieb Sport, vergnügte sich, tanzte, traf sich mit Freunden zu Kaffee und Kuchen im Garten, weihte den Ostermann-Brunnen in der Altstadt ein. Jubelte Hitler zu, feierte Karneval und machte sich über die Juden und den Völkerbund lustig. Beim Urlaub auf Langeoog wurde die Sandburg mit einer Hakenkreuzfahne geschmückt. Es wurde geheiratet, oft genug in Uniform. Auch als die ersten Bomben auf Köln fielen, hing es mit dem Gesellschaftsleben noch einige Zeit weiter.

So richtig ernst wurde der Krieg anfangs wohl nicht genommen. Stolz durfte kleine Jungs in Soldatenuniform – Stahlhelm inklusive – vor der Kamera posieren. Doch langsam verschwand die (familiäre) Idylle als Motiv. Festgehalten wurden die zerbombten Häuser, auch die Toten, die – oft von Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen – aus den Trümmern geborgen wurden. Ihnen und anderen Opfer des NS-Regimes wie Sinti oder Widerstandskämpfer setzt das Buch ein Denkmal.

Der Fotoband endet mit dem Einmarsch der Amerikaner. Das letzte Bild zeigt ein glasloses Fenster, hinter dem sich die Trümmer des Hauses auftürmen. Darunter der immer noch gut lesbare Satz: „Wir kämpfen bis zum Sieg!“.

Köln 1933 – 1945 – Bilder einer Stadt im Nationalsozialismus“ – emons-Verlag, Köln 2015, 544 Seiten, 29,95 Euro.

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