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Kommentar der Redaktion zum Urteil gegen den Reker-Attentäter

Hass und Gewalt sind kein Mittel

2. Juli 2016 | 11:30 | red
Noch hat sie gut lachen. Nach dem Amtseid gab es den Gratulations-Marathon.  Bild: Screenshot/Stadt Köln

Erleichterung allerorten. Nur wenige Wochen nach den beinahe tödlichen Messerstichen ist Henriette Reker im Amt. Der Attentäter muss nun für viele Jahre ins Gefängnis. Bild: Screenshot/Stadt Köln

Man muss Henriette Reker für ihre Kraft und ihre Standhaftigkeit bewundern. Das gestrige Urteil wirkt wohlabgewogen und mit 14 Jahren für den Angeklagten einschneidend, wenn auch „mild“. Die Argumentation und der Versuch, sich zum Märtyrer zu stilisieren für eine Bewegung, die nicht nur gegenüber Flüchtingen intolerant ist, werfen aber ein Schlaglicht auf eine Gesellschaft, die sich zunehmend an der eigenen Komplexität abarbeitet und dabei das Maß zu verlieren droht.

Diejenigen, die Verantwortung übernehmen, geraten dabei immer mehr in den Fokus pauschaler Vorwürfe bis hin zum Shitstorm in den sozialen Netzwerken mit Beleidigungen und Aufrufen zu einer Straftat. Und weil die Profis mit ständiger Medienpräsenz auf die zunehmende Empfindlichkeit mit „political correctness“ reagieren, entwickelt sich eine Art „self-fulfilling prophecy“. Weil die Mitte zusammenrückt und den großen Konsens sucht, entwickelt sich an den Rändern ein zunehmender Drang zur Gewalt mit jeder Menge Verschörung, vor allem aber Verschlichtung. Einfache Antworten auf komplexe Zusammenhänge kommen zunehmend in Mode und werden durch jede Menge Brandbeschleuniger in den sozialen Medien auf Siedetemperatur gehalten. Die Unzufriedenheit wächst trotz anhaltender Konjunktur, Rekordzahlen bei Beschäftigung und Steueraufkommen, kurz: in einer Zeit höchster Wohlfahrt.

Dass ausgerechnet diejenigen, die nach eigener Lesart ihres Berufsethos der Wahrheit verpflichtet sind, die Journalisten, von ausgerechnet denen, die nach jeder Straftat von Migranten lechzend gerne Propaganda-Lügen im Gros in die sozialen Netzwerke einspeisend sich den Vorworf „Lügenpresse“ anhören müssen, entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Und wenn dann noch eine große Boulebard-Zeitung im Nachgang zu den Vorfällen am Kölner Hauptbahnhof (bei denen übrigens keine einzige Person verletzt wurde) den Vorworf ausstößt, deutsche Männer könnten sich nicht mehr richtig prügeln, zieht’s dem Vernünftigen glatt den Schuh aus.

Oberbürgermeisterin Henriette Reker und Polizeipräsident Wolfgang Albers stellten sich der Presse. Alle großen Presseorgane zwängten sich ins das kleine Besprechungszimmer im Historischen Rathaus.  Bild: Köln Nachrichten

Oberbürgermeisterin Henriette Reker (rechts neben ihr Ex-Polizeipräsident Wolfgang Albers) stellte sich der Presse und erntete bisweilen heftige Anfeindungen, nicht einmal drei Monate nach dem Attentat. Bild: Archiv Köln Nachrichten

An der demokratischen Entscheidung der Kölner Wahlbürger haben Attentat und Attentäter ebenso wenig geändert wie an der großen Konsensuche unter ständig neuen Vorzeichen. Es macht allerdings deutlich, dass diejenigen in Gefahr sind, die sich entweder der Verantwortung stellen oder konstruktiv an der Lösung mitarbeiten wollen – und das von denen, die ihre politische Meinung nur allzu häufig aus Überschriften mit maximal 160 Zeichen herausziehen. Frank S. ist als Attentäter nur der sichtbare Teil des Eisbergs, gefüttert von vielen „Likes“ seiner vermeintlichen Sympathisanten.

Wie vergiftet das gesellschaftliche Klima bereits ist, zeigt sich an der öffentlichen Entrüstung nach der legendären Pressekonferenz vom 5. Januar 2016, wenige Tage nach den Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof. Den sicher gutgemeinten Rat der gerade angetretenen Oberbürgermeisterin („Armlänge Abstand“) kommentierte die Netzgemeinde mit überwiegender Häme und Anfeindungen. Dass sie selbst nur ein Quartal zuvor nur um Haaresbreite mit dem Leben davonkam, war drei Monate nach dem Attentat für viele kein Thema mehr.

So bleibt als vorläufiges Fazit: Das Düsseldorfer OLG und der 6. Strafsenat haben ein differenziertes und vergleichsweise mildes Urteil gefällt. Der Attentäter, der klar dem rechten Milieu zuzuordnen ist, wird für lange Zeit hinter Gittern sitzen. Auch eine Revision dürfte da wenig ändern. Hass und Gewalt sind eben kein Mittel in einer zivilisierten Kultur.

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