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Buch zeigt Auswege aus der Korruption

16. Februar 2012 | 09:15 | red

Ist Bundespräsident Christian Wulff nun korrupt oder nicht? Bei der Beantwortung dieser Frage kann ein Buch helfen, das zwar schon im vorigen Herbst erschienen ist, durch die Daueraffäre um den CDU-Politiker aber eine nicht geplante Aktualität gewonnen hat. Der Journalist und Politologe Frank Überall beleuchtet in „Abgeschmiert“ das Phänomen Korruption von allen Seiten, listet Beispiele auf, erzählt die Geschichte vom strafrechtlichen Kampf gegen Korruption, spart nicht mit Kritik und stellt am Ende Forderungen auf, mit denen sie sich zumindest eindämmen ließe.

Warum gibt es Korruption? Weil sie „sexy“ ist, so Überalls zunächst lapidar erscheinende Begründung. Sie ist der (vermeintlich) leichte Weg, Ruhm und Reichtum zu erreichen, nicht nur, wenn der offizielle und legale Weg zu langwierig und umständlich erscheint, Entscheidungen oft nach Willkür riechen. Wer geht nicht lieber den leichten statt den „normalen“ Weg durch die Bürokratie? Warum ist die Flunkerei bei der Steuererklärung zum Volkssport geworden? Und warum fragen Journalisten gerne nach „Presserabatten“, nimmt der Autor auch den eigenen Berufsstand ins Gebet.

Korruption erscheint vielen Menschen nicht als ethisch fragwürdig

Vor diesem Hintergrund erscheint Korruption leicht als ethisch gerechtfertigt, so Überalls Fazit. Vielleicht sogar als urmenschliche Eigenschaft. Vielleicht findet Wulff – um noch einmal darauf zurückzukommen – so viel Verständnis bei seinen „Untertanen“, weil er sich in seinem berühmt-berüchtigten ARD-ZDF-Interview so menschelnd gab? Denn wer würde sich nicht von seinen Freunden Geld leihen oder zu einem Urlaub einladen lassen?

„Abgeschmiert“ ist ein verständlich geschriebenes Buch, bei der Komplexität des Themas bisweilen allerdings etwas verwirrend. Ausführlich beschreibt Überall, wo es überall Korruption gibt: In der Wirtschaft, in der Politik, in der Verwaltung. Er beschreibt, wie sie funktioniert, wie sie schleichend beginnt und zu einem unentrinnbaren Gewebe wird. Und während sich der Korrumpierende und der Korrupte bereichern, zahlen andere drauf: Der Krankenkassenpatient, der gefälschte Abrechnungen bezahlt, der Steuerzahler, der überhöhte Baukosten bezahlen muss, der Konsument, der mit Preisabsprachen geschröpft wird.

Möglichkeiten, Korruption zu bekämpfen, werden nicht genug ausgeschöpft

Dabei gäbe es jetzt schon Möglichkeiten, dem entgegenzusteuern. Doch weil Korruption oft nur mit großem Aufwand justiziabel nachzuweisen ist, geben sich Gerichte oft mit Vergleichen zufrieden, kritisiert Überall die Justiz, die zudem oft den erlaubten geringen Strafrahmen nicht ausschöpft. Unzufrieden ist er mit der Presse, die sich nicht genug dem schwer zu recherchierenden Thema widme. Schließlich Kritik auch am Bürger, der sich oft genug mit Politikerschelte begnüge, statt sich zu engagieren.

Was nun tun, um Korruption zu bekämpfen? 13 Thesen stellt Überall auf. Einige lassen sich unter „Mehr Transparenz“ zusammenfassen – das gilt etwa für politische Entscheidungsprozesse, strengere Berufsregeln für Lobbyisten, öffentliche Kommunikation inklusive Melderegister, den gläsernen Abgeordnete. Auch die strafrechtliche Verfolgung hat er im Auge und fordert eine bessere Ausstattung von Polizei und Justiz sowie längere Verjährungsfristen. Schließlich  mehr Aufmerksamkeit und Engagement der Bürger.

Frank Überall fordert Hilfe für die, die in einem „Entscheidungsdilemma“ stecken

Überraschen vermag sein Vorschlag, den Korrupten zu helfen. Doch das macht Sinn. Denn – so Überall – „wer in ein Entscheidungsdilemma gerät, wird damit oft allein gelassen“. So wünscht er sich einen Ombudsmann, niedrigschwellige Beratungsangebote – auch das gehört dazu – und einen besseren Schutz für „Whistleblower“, Insider, die sich mit ihrem Wissen an die Justiz wenden.

„Abgeschmiert“ ist nicht nur viele Leser zu wünschen, sondern vor allem solche, die seine Überlegungen umsetzen wollen – und können.

Frank Überall: „Abgeschmiert. Wie Deutschland durch Korruption heruntergewirtschaftet wird“ – Lübbe Ehrenwirth, Köln 2010, gebunden, 238 Seiten, 19,99 Seiten