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Biografie von Oberbürgermeister Theo Burauen erschienen

Spätes „Denkmal“ für den Kölner SPD-Politiker

14. September 2015 | 12:00 | ehu
Dem Journalisten Georg Bönisch ist es zu verdanken, dass Kölns OB Theo Burauen ein spätes literarisches Denkmal gesetzt wird.

Dem Journalisten Georg Bönisch ist es zu verdanken, dass Kölns OB Theo Burauen ein spätes literarisches Denkmal gesetzt wird.

Konrad Adenauer prägte Köln als Oberbürgermeister in der Weimarer Republik. Theo Burauen tat das gleichermaßen in seiner Amtszeit zwischen 1956 und 1973. Jetzt 28 Jahre nach seinem Tod, ist im Greven-Verlag eine lesenswerte und quellenreiche Biografie des SPD-Politikers erschienen, dem – anders als seinem berühmten Vorgänger – bislang noch kein Denkmal in seiner Geburtsstadt gesetzt wurde.

Außer einem abstrakten Brunnen, der wohl eher nach ihm benannt wurde, weil er auf dem gleichnamigen Platz steht. Mit „Der 96-Prozent-Mann“ liegt jetzt zumindest ein literarisches Denkmal vor, das diesen Namen verdient.

Geschrieben hat es Georg Bönisch, langjähriger „Spiegel“-Redakteur, der selber noch eines der letzten Interviews mit Burauen (1906-1987) führte und sich auf flüssiges und verständliches Schreiben versteht (bei dem wenige ausgefallene Fremdwörter dann allerdings um so mehr auffallen). In 18 Kapiteln entwickelt er – durchaus mit einem Hauch Sympathie – das Bild einer eigenwilligen, starken Persönlichkeit, die als Katholik seine Partei, die SPD, aus ihrer Klassenkampfposition herausführte und für lange Zeit zur stärksten Partei in Köln machte. Die profitierte von ihm – wann erreichte bei einer Umfrage schon einmal ein Politiker einen Bekanntheitsgrad von 96 Prozent?

Der Weg zum Oberbürgermeister war Theo Burauen nicht in die Wiege gelegt

1946 gegen die Stimmen der KPD von SPD, CDU und FDP zum Vorsitzenden des Ortsausschusses Köln-Mitte gewählt, 1948 in den Stadtrat gewählt, 1952 Vorsitzender der SPD-Fraktion, ab 1956 Oberbürgermeister – diese politische Karriere war dem Kümmerer als Nicht-Akademiker nicht in die Wiege gelegt, auch wenn er sich schon früh in der SPD engagierte. Nach Hitlers Machtergreifung verlor er seinen Job bei der SPD-nahen „Rheinischen Zeitung“, schlug sich zunächst als Bauchladenverkäufer durch. Fand dann eine Anstellung als Buchhalter in einem Fachverlag, bis er 1940 eingezogen wurde.

Er wurde als Funker der Luftnachrichtentruppe zugeteilt, war in der Tschechoslowakei und Wien stationiert. Das steht fest, für die spärlichen Einzelheiten, die Burauen später über seine Zeit bei der Wehrmacht erzählte, konnte Bönisch keine Dokumente finden. Auch wofür ihm das Kriegsverdienstkreuz II. Klasse mit Schwertern verliehen wurde, fand der Autor nichts. Es ist der einzige „dunkle“ Fleck in Burauens Lebensgeschichte.

Kein Widerstandskämpfer, aber von der Gestapo als Sozi geführt

Hier war Burauen wohl Kind seiner Zeit und wollte nicht darüber sprechen“, vermutete der Autor bei der Vorstellung seines Buches. Auch über seine kurze Untersuchungshaft bei der Gestapo im Mai 1933 verlor er keine großen Worte, lediglich dass er durch „geschicktes Manövrieren“ wieder freigekommen sei. Immerhin: Burauen stilisierte sich nach 1945 nicht zum Widerstandskämpfer, auch wenn er bei der Gestapo als Sozi geführt wurde.

Mit der „Entnazifizierung“ durch die britische Besatzungsmacht, bei der kaum jemand als Hauptschuldiger an der Nazi-Diktatur klassifiziert wurde, war er dann alles andere als einverstanden. Es wäre besser, „wenn gegen etliche Zehntausende zwei Tage lang die Maschinengewehr gesprochen hätten“, meinte er später. Die kleinen „bedeutungslosen“ Parteigenossen dagegen verteidigte er.

Der SPD-Politiker liebte die „klare Sprache“, das machte ihn nicht immer beliebt

Mit seiner „klare Sprache“ machte er sich zunächst keine Freunde in seiner Partei, die den Katholiken misstrauisch beäugte. Doch seine Volksnähe überzeugte schließlich. Am Ende setzte sich der „Modernisierer“ durch. 1956 wurde der SPD-Fraktionsvorsitzende zum OB gewählt – alle hatten mit Ernst Schwering gerechnet, dem amtierenden CDU-Oberbürgermeister.

Bemerkenswert ist, wie Burauen es schaffte, seine Ideen durchzusetzen, wie er auch bei Kleinigkeiten die Verwaltung in Bewegung setzen konnte. Und das obwohl er – anders als die Oberbürgermeister in NRW heute – nicht Verwaltungschef war, sondern „nur“ oberster Repräsentant der Stadt. Schließlich war Burauen des Klüngelns nicht unkundig, dies auch mit dem politischen Gegner und immer zum Wohl der Stadt. Ging es um den Kölner Zoo, war er auch bereit, jenseits der Legalität zu handeln. Ein eher unbekanntes, weniger erfreuliches Kapitel, das hier ausgebreitet wird. Eine Kampagne, dass es beim Kauf seines Wohnhauses nicht mit rechten Dingen zugegangen sei, verlief mangels Beweisen im Sande.

Der frühe „Modernisierer“ kam mit der revoltierenden Jugend nicht mehr zurecht

Stoff für weitere Forschungen wäre es zu untersuchen, warum einige seiner Ideen nicht umgesetzt wurden. Zum Beispiel die von einer USA-Reise mitgebrachte Idee einer größeren Bürgerbeteiligung. Im Nachhinein hat es einen Hauch von Tragik, dass er seit den Protesten gegen die KVB-Preiserhöhungen 1966 keinen Zugang mehr zu der (jungen) Bevölkerung fand, die dem Ruf „Mehr Demokratie wagen“ seines Parteivorsitzenden Willy Brandt folgte.

Der „Modernisierer“ hatte sich überlebt. Er wurde von seiner Partei entmachtet. Als es nach seinem Tod darum ging, ob er einen Platz auf dem Rathausturm finden solle, unterlag er dem Zuckerfabrikanten Eugen Lange. Und anders als für Adenauer hat sich bei ihm noch keine Privatinitiative für ein Denkmal im öffentlichen Raum gefunden.

Dass das Buch gerade zur – aktuell verschobenen – Oberbürgermeisterwahl erschienen ist, sei bloßer Zufall, versichert Verlagschef Damian van Melis. Das ist sicher richtig, aber doch rechtzeitig, um die Persönlichkeit Burauen mit den letzten Kölner Oberbürgermeistern oder den derzeitigen Kandidatinnen und Kandidaten zu vergleichen. Auch wenn sich die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse seitdem zum Teil gewaltig verändert haben, was nicht zuletzt die Rolle des OB betrifft.

Georg Bönisch: „Der 96-Prozent-Mann: Kölns Oberbürgermeister Theo Burauen“ – Greven Verlag, Köln 2015, 167 Seiten, gebunden, Schutzumschlag. 18,90 Euro.

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