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Sarrazin-Bestandsaufnahme lockte nur 50 Besucher an

6. Mai 2011 | 01:08 | red



„Kakophone Sensationsmedien”, „demonstrative Erkenntnisverweigerung“, „Integrationsgejammer“ oder „schizoid“; das waren nur einige der Schlagwörter, die Prof. Dr. Klaus Bade, 66-jähriger Professor der Neuesten Geschichte und einst Gründer des Osnabrücker Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) in seinem Vortrag benutzte. Sie umschrieben etwas, das nicht einmal ein Jahr zurückliegt. Gemeint war die Diskussion um das Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin. Die Deutschen führen eine Luxusdebatte auf hohem Niveau und in der Gesamtheit sind sie doch wesentlich gelassener als so mancher Desintegrations-Populist in den Reihen der Multiplikatoren. Aber der Reihe nach.

Bade analysierte die zurückliegende Debatte ohne die bisweilen typische Hysterie vor einer angeblich und endgültig ‚gescheiterten Integration‘. Vielmehr machte das Treiben um den Mythos der gescheiterten Integration als „dead man walking“ deutlich, dass die Ãœberspitzung der Debatte, genau das erreicht hat, was sie zu heilen vorgab. Tatsächlich hat sich die Einschätzung der Integration besonders bei der Einwandererbevölkerung deutlich eingetrübt. Man könnte es härter formulieren: Sarrazins Thesen zur Integration sind in der Debatte so etwas wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, auch wenn in vielen anderen Staaten die Situation wesentlich kritischer ist. „Little Pakistan“ in Großbritannien oder die „banlieus“ (Vorstädte) in Paris und anderen französischen Großstädten sind da nur zwei Beispiele, die der Professor anführte.

Um die Debatte einordnen zu können, blickte der Migrationsexperte in die Genese der inzwischen mehr als 50-jährigen Geschichte der Arbeitsmigration in Deutschland. Deren größte Gruppe mit aktuell geschätzten 2,5 bis drei Millionen sind heute Menschen türkischer Herkunft. „Die wachsende ‚Multi-Diversität‘ der Einwanderungsgesellschaft überfordert manche. Aber ‚negative Integration‚ also Identitätsfindung der Mehrheit durch Ausgrenzung von Minderheiten ist ein Angriff auf die Fundamente der Bürgergesellschaft als Einwanderungsgesellschaft. Gefragt ist vielmehr soziale Integration, verstanden als möglichst chancengleiche Teilhabe in zentralen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens“, führte der Wissenschaftler aus.

Im Jahr 2010 folgte dann das Buch zur Einwanderungsgesellschaft in Deutschland. Es war das erste Jahresgutachten des Ende 2008 gegründeten Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), dessen Vorsitzender Bade ist. Es trug den richtungweisenden Titel „Einwanderungsgesellschaft 2010“. Der Bericht umfasste erstmals auch ein ‚Integrationsbarometer‘ zur beiderseitigen und gegenseitigen Einschätzung der Lebenswirklichkeit von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Bade selbst hatte die Idee dazu und gibt sich doch bescheiden. „Wir haben einfach nur einen für Westdeutschland repräsentativen Querschnitt von Menschen aus Mehrheitsgesellschaft und Zuwandererbevölkerung nach ihrer Einschätzung von Integration und Integrationspolitik und nach ihrer gegenseitigen Einschätzung gefragt“, führte der Forscher aus. Das Ergebnis klingt verhalten positiv. „Deutschland ist angekommen in der Einwanderungsgesellschaft“ und: „Integration in Deutschland ist besser als ihr Ruf im Land, auch im internationalen Vergleich“, so das Fazit der ersten Ausgabe des Integrationsbarometers. Das hellte sichtbar die Stimmungslage in der öffentlichen Diskussion auf, ebenso im Ausland das Bild von Integration in Deutschland. „Das war ein Beitrag zur Attraktivitätssteigerung nach innen und nach außen“, sagt Bade. Doch der Einfluss – wenige Monate vor Erscheinen des Sarrazin-Buches – auf die Öffentliche Meinung war nicht von Dauer.

Medien als Brandbeschleuniger

„Only bad news are good news“, so lautet einer der ehernen Grundsätze im Geschäft mit den Nachrichten. In der Sentenz von Walter von LaRoche definiert sich eine „Nachricht“ nach zwei wesentlichen Prinzipien. Die Nachricht muss aktuell und von öffentlichem Interesse sein. Tatsächlich war die Botschaft des Integrationsbarometers wohl etwas zu „gut“ und damit möglicherweise für viele etwas zu langweilig. Da machte sich das „Wiedergänger-Thema“ der „gescheiterten Integration“ doch deutlich besser in der Medienlandschaft. Kaum waren die ersten Passagen des Sarrazin-Buches zitiert, da verselbständigte sich die Debatte. Populistische Anwandlungen führender Politiker, aus den Reihen der Konservativen wie der Kronzeugen, befeuerten – sehr zur Freude des Stammtisches und der Medien – die Debatte. Die löste sich, so Bade, schnell von den ursprünglichen Thesen des Buches von Sarrazin ab. Ein Ursprungsgedanke – Kritik am Missbrauch und an Fehlsteuerungen im Sozialstaat – wurde dabei zunehmend in den Hintergrund gedrängt. „Das war aber auch selbstverschuldet im Blick auf die sozialbiologistische und ethnogenetische Begleitmusik zu seiner Behandlung von Migrations- und Integrationsfragen“, so Bade. Dass zwischen Erst- und Letztauflage ganze Passagen und Argumentationsmuster gelöscht wurden, macht die Glaubwürdigkeit seiner Thesen nicht größer, wie der Kritiker spitz bemerkte. „Dass die Debatte für den Buchautor einträglich war, kann und darf man ihm nicht vorwerfen“, so Bade weiter.

Kronzeugen des Integrationsgejammers

Ärgerlich aus Sicht des Autors sind Störfeuer anderer Gegenläufer. Mit geschliffener Wortakrobatik und feiner Ironie sprach Bade teils anerkennend, teils kritisch über Protagonisten der Debatte, u.a. die „professionelle Islamkritikerin“ Necla Kelek mit ihrer mitunter „anekdotischen Evidenz“ („ich beschreibe, was ich sehe“) und ihrem grundsätzlichen Zweifel an der Integrierbarkeit „des Islams“ ; Ayan Hirsi Ali mit ihrer Vision vom laufenden „Krieg gegen den Islam“; den bissigen „Islamophagen“ Henryk M. Broder; Alice Schwarzer mit ihrem Menetekel von der „Schariarisierung“ Europas und sogar von „islamistischen Kreuzzüglern“; aber auch Ralph Giordano, dessen im Blick auf den Islam mitunter harte Aussagen schon deswegen nicht minderheitenfeindlich sein können, weil man ihm selbst als Opfer des Nazi-Regimes ja schließlich keine minderheitenfeindlichen Aussagen unterstellen könne.

Fast chirurgisch nahm der Referent auch einige populistische Politikeräußerungen im Zuge der Debatte aufs Korn: Neben den Warnungen Horst Seehofers vor Türken, Arabern und überhaupt vor Zuwanderung „aus fremden Kulturkreisen“, gab es noch andere Wirrungen. Da wäre die Rede des damaligen Bundesinnenministers Thomas de Maizière davon, dass zehn 10 bis 20 Prozent der Zugewanderten härter zu bestrafende „Integrationsverweigerer“ seien, weil sie etwa die Integrationskurse nicht besuchten. „Starke Phantasie“, so Bade, weil selbst das zuständige Bundesamt diese Daten gar nicht bereitstellen konnte und sich überdies rasch herausstellte, dass die Zahl der Interessenten deutlich höher ist als die Zahl der angebotenen Plätze. Familienministerin Kristina Schröder habe mit ihrer populistischen Interpretation der durchaus vorhandenen Pöbeleien auf deutschen Schulhöfen als ‚Deutschenfeindlichkeit „die sozialen Ursachen glatt übersprungen“. Auch das Aufsehen erregende Statement der Kanzlerin, die sich durchaus von Sarrazin abgegrenzt hatte, „Multi-Kulti ist tot!“ sei im Grunde eine „populistische Luftnummer“ gewesen; denn: Dass diese Gesellschaft heute multikulturell ist, kann schon im Blick auf die Statistik niemand mehr ernsthaft in Frage stellen. „Multi-Kulti als Konzept aber war eine politische Marotte aus der Frühzeit der Grünen. Multi-Kulti-Standards als Regierungsprogramm hat es in Deutschland, im Gegensatz zu den Niederlanden, nie gegeben“, so Bade. Dass Sarrazin – ganz aktuell – auch noch die Verantwortlichen in den Reihen der Sozialdemokraten vorführte und ihnen einen peinlichen Rückzieher bescherte, ist nur ein weiterer Aspekt.

Grundvertrauen weiterhin hoch – ganzheitliche Betrachtung notwendig

Mit der erwähnten Eintrübung des vor der Sarrazin-Debatte gemessenen ‚Integrationsoptimismus‘ vieler Einwanderer, die im zweiten Integrationsbarometer nach der Sarrazin-Debatte Ende 2010 gemessen wurde, ging in der Mitte der Gesellschaft aber ein Anstieg der „nüchternen oder ernüchterten“, jedenfalls pragmatisch differenzierenden Einstellungen zu Integrationsfragen einher. Sie brachte eher Ernüchterung, denn an den grundsätzlichen Fakten der Integration in Deutschland hat sich eigentlich nichts geändert. Die Auswüchse der Sarrazin-Debatte sind auch vor dem Hintergrund einer jahrzehntelangen Selbstverleugnung als Einwanderungsland zu sehen. Viele Einwandererfamilien leben bereits in zweiter, dritter oder gar vierter Generation in Deutschland. „Schizoid“ sei es geradezu gewesen, dass Deutschland, als es noch Einwanderungsland war, dies stets leugnete.

Im vergangenen Jahrzehnt sei „in Sachen Integrationspolitik mehr passiert als in den vier Jahrzehnten zuvor zusammen“, sagte Bade. Doch statt einer klaren Bekenntnisses zur gesellschaftlichen Vielfalt wie beispielsweise in Kanada („diversity is our strength“) kommen immer wieder mitunter verwirrende Signale aus Berlin, so die Kritik des Forschers. Ein mögliches Problem ist die Verabsolutierung von Teilidentitäten, wie Bade das nennt. Aber ein Einwanderer ist eben z.B. nicht nur „Migrant“ oder „Muslim“, er ist auch Arbeitnehmer, Konsument, Steuerzahler, Familienvater, Sportfan usw. Das Fazit fällt daher – bei allen vorhandenen Defiziten in verschiedenen Bereichen – ebenfalls verhalten positiv aus. „Integration ist aber ein Bild, das sich gewissermaßen selbst gemalt hat. Die Bundesregierung hat erst sehr spät den Rahmen dazu gebaut“. Kirchen, Gewerkschaften, Mittlerorganisationen, Integrationsbeauftragte und andere viele Einzelakteure sind da schon seit Jahrzehnten weiter. Bade selbst machte da keine Ausnahme. Er selbst hatte bereits als junger Wissenschaftler vor den Folgen des Anwerbestopps von 1973 gewarnt. „Damals stellte man die Migranten vor die Wahl: Gehen oder Bleiben.“ Das verstärkte durch den steigenden Familiennachzug nur die Herausbildung einer echten Einwanderungssituation. Weil man dann die Folgen politisch verdrängte oder schlicht „verschnarchte“, wurde die Basis für viele heute noch nachklingende Probleme gelegt, sagte Bade. „Und die Rache heißt heute Sarrazin!“. Von der Politik aber sollte es künftig möglichst keine „populistischen Konzessionen an Desintegrationspublizistik und an Sensationsmedien“ mehr geben, forderte Bade abschließend.

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